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Kontroverse um neues EU-Arzneimittelrecht

Kontroverse um neues EU-Arzneimittelrecht Foto: Sebastian Duda, DollarPhotoClub, Anja Krüger Kontroverse um neues EU-Arzneimittelrecht

Neues EU-Arzneimittelrecht könnte Einschränkung der Methodenvielfalt bedeuten

Die Europäische Kommission hat einen Verordnungsentwurf auf den Weg gebracht, der das bisher geltende Tierarzneimittelrecht ablösen soll. Grundsätzlich verfolgt die EU damit begrüßenswerte Ziele, darunter die Reduktion des Einsatzes von Antibiotika. Paradoxerweise machen es einzelne Passagen des Verordnungsentwurfs unmöglich, diese Ziele zu erreichen. Würde der Entwurf in seiner derzeit vorliegenden Fassung verabschiedet, wären die Folgen dramatisch – für Tierhalter, Tiere, Tiernaturheilkundler und weite Teile der Bevölkerung gleichermaßen.

Wir sprachen mit ANJA KRÜGER, Vorstandsmitglied des FNT, dem viele ATM-Absolventen angehören und 2. Vorsitzende des Branchenverbandes Artgerechte Tiergesundheit (ATG), in welchem auch ATM und ATN Mitglied sind.

Frau Krüger, Sie engagieren sich derzeit stark für eine Änderung des Verordnungsentwurfs und sprechen im Namen des FNT und in Kooperation mit anderen Tierheilpraktiker-Verbänden unter Federführung des ATG mit Politikern in Brüssel und Berlin, versuchen, die Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam zu machen. Warum?

Mit der Neuordnung des Tierarzneimittelrechts verfolgt die EU grundsätzlich sehr wichtige Ziele, darunter insbesondere die Eindämmung des Antibiotika-Einsatzes bei Tieren, die Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen bei Mensch und Tier sowie die Einführung einer Pharmakovigilanz für Tierarzneimittel. Pharmakovigilanz bedeutet, dass die Sicherheit von Fertigpräparaten für Tiere laufend und systematisch überwacht wird, um unerwünschte Wirkungen feststellen und Maßnahmen zur Risikominimierung ergreifen zu können. Im Humanbereich ist das längst selbstverständlich. Wer sich die Verordnungsvorlage allerdings genauer anschaut, stellt fest, dass einige Teile mit den genannten Zielen nicht übereinstimmen. Bei einer strengen Auslegung stehen wesentliche Passagen sogar im völligen Widerspruch. Damit besteht die Gefahr, dass eine sinnvolle und in weiten Teilen überfällige Gesetzesänderung, die dem Wohl der Verbraucher und der Tiere dienen soll, ins Gegenteil verkehrt wird.

Inwiefern?

Möglicherweise ist es durch unbeabsichtigte Fehlformulierungen bedingt, aber der Verordnungsentwurf will auch Stoffe, die lediglich der Vorbeugung von Krankheiten oder der Gesunderhaltung der Tiere dienen, dem Arzneimittelrecht unterwerfen. Sie werden lachen, aber wenn man den Verordnungsentwurf wortwörtlich auslegt – was eine regelmäßige juristische Praxis ist – dürften selbst Salate, Obst und Kräuter für Tiere nur noch als Arzneimittel vertrieben werden. Tierhalter dürften ihren Tieren „gesund-erhaltendes“ dann nicht mehr „eigenmächtig“ verabreichen, sondern müssten vorab zum Tierarzt gehen, ganz so, als handele es sich bei Salat, Obst und Kräutern oder auch diversen Tinkturen, Ölen für die Zeckenabwehr oder der wärmenden Decke fürs alte Pferd um potenziell gefährliche Stoffe wie etwa Antibiotika. Zum Tierarzt zu müssen, um ein Tier gesund ernähren zu dürfen, ist hochgradig unverhältnismäßig – im Heimtierbereich ebenso wie in der Landwirtschaft.

Der schöne Spruch des Hippokrates „Lass Nahrung deine Medizin sein und Medizin deine Nahrung“ würde ad absurdum geführt.

Genau. Ebenso unverhältnismäßig wäre es, komplementär- und alternativmedizinische Therapien nur noch Ärzten bzw. Tierärzten zu erlauben. Im Augenblick können wir im Bereich der Tierheilkunde aus einer mannigfaltigen Methodenvielfalt (z.B. Phytotherapie, Homöopathie, Blutegel, Akupunktur, Enzymtherapie) schöpfen, wobei viele schulmedizinisch „austherapierte“ Patienten, also solche, die die Schulmedizin als unheilbar entlassen hat, Hilfe in der Naturheilkunde finden. Diese Methodenvielfalt würde verloren gehen, ebenso wie uraltes naturheilkundliches Wissen, jenes Wissen, aus dem auch die heutige Schulmedizin einst hervorgegangen ist. Nicht zuletzt würden nichtärztliche Therapeuten massiven Einschränkungen im Rahmen ihrer Berufsausübung unterworfen werden, obwohl sie diejenigen sind, die mit dieser Methodenvielfalt arbeiten, ohne einer bestimmten medizinischen Richtung verpflichtet zu sein.

Aber eigentlich verlangt die EU doch sogar die Bevorzugung komplementär-alternativmedizinischer Arzneimittel und Verfahren?

Das ist ja das Paradoxe. Die EU-Bio-Verordnung 834/2007 legt fest, dass die Behandlung mit komplementär- und alternativmedizinischen Arzneimitteln (Phytotherapie, Homöopathie u.a.) Vorrang haben muss vor einer Behandlung mit chemisch-synthetischen allopathischen Arzneimitteln. Insbesondere für Antibiotika gilt, dass sie nicht verabreicht werden dürfen, wenn alternative Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Solche alternativen Möglichkeiten erwachsen bereits aus einer artgerechten Haltung, Pflege und Fütterung. Dafür braucht man aber weder einen Tierarzt noch verschreibungspflichtige Medikamente. Wie Sie bereits sagten, Hippokrates hat es auf den Punkt gebracht: „Lass Nahrung deine Medizin sein und Medizin deine Nahrung“. Die EU will, dass man sich darauf besinnt und entsprechend handelt. Aber in Bezug auf die konsequente Umsetzung dessen rollt sie sich selbst Steine in den Weg.

Der Verordnungsentwurf enthält auch zweifelhafte Forderungen in Sachen Homöopathika.

Ja. Die am Markt erhältlichen Homöopathika sind für Menschen bereits zugelassen und haben entsprechende Prüfverfahren durchlaufen. Trotzdem plant die EU, eine extra Zulassungspflicht der Mittel eigens für Tiere festzulegen. Die Kosten dafür könnte kein Hersteller stemmen, zudem entbehrt die Forderung jeder Sinnhaftigkeit. Homöopathika bergen keinerlei Gefahr für Mensch oder Tier und falls bei ihrer Anwendung doch Risiken bestehen, so sind diese über die Festlegung einer sicheren Verdünnung zu regeln, nicht aber durch die Einführung einer Verschreibungspflicht oder einer gesonderten Zulassung als Tierarzneimittel. Tritt der Verordnungsentwurf unverändert in Kraft, ist damit zu rechnen, dass nicht mehr, sondern weniger Homöopathika zur Verfügung stehen – obwohl auch ihnen eigentlich der Vorzug vor chemisch-synthetischen Arzneimitteln eingeräumt werden soll.

Auf der einen Seite soll es eine extra Zulassungspflicht der Homöopathika für Tiere geben – auf der anderen Seite wird aber doch die Wirksamkeit von Homöopathika oft angezweifelt. Wie geht denn das zusammen?

Ja, das ist regelrecht ein Witz. Die Gegner der Homöopathie werfen den Therapeuten immer vor, dass Homöopathika nicht wirken können, weil sie „nichts“ enthielten, also keinen Wirkstoff in messbarer Menge. Dennoch sollen Homöopathika künftig ähnliche Regulierungen durchlaufen, wie Antibiotika, Impfstoffe oder Schmerzmittel. Wie kann ich etwas, von dem ich überzeugt bin, dass es „nichts“ enthält, unter den Generalverdacht stellen, dass es möglicherweise schlimmes bewirkt? Und das vor dem Hintergrund, dass die Homöopathika für den Einsatz beim Menschen bereits vollumfänglich zugelassen sind, die ganzen Prüfkriterien bereits mit dem Ergebnis unschädlich durchlaufen haben? Ganz abgesehen davon stellt Homöopathie keine „Wirkstoff-Therapie“ dar, sondern eine „Informations-Therapie“, die einen völlig anderen Ansatz und eine ganz eigene Methodik erfordert und mit den schulmedizinischen Strategien nicht vergleichbar ist. Deshalb können Homöopathika auch nicht mit chemisch-synthetischen Arzneimitteln verglichen und denselben Regulierungskriterien unterzogen werden. Es wird zwar ein vereinfachtes Registrierungsverfahren angestrebt. Trotzdem entbehrt auch dieses jeder Sinnhaftigkeit, und es bleibt zu befürchten, dass die Vielfalt der zurzeit zur Verfügung stehenden homöopathischen Mittel durch die geplanten Forderungen auf eine sehr kleine verfügbare Anzahl reduziert wird.

Was kritisieren Sie hinsichtlich der Vorhaben zur Pharmakovigilanz?

Die EU hat vor, die Pharmakovigilanz in die Hände der Arzneimittelhersteller zu legen. Überwacht werden sollen Arzneimittel also von denselben Institutionen, die die Arzneimittel produzieren und verkaufen. Wir befürchten hier eklatante Interessenskonflikte. Es kann nicht sein, dass derjenige, der ein potenziell mit unerwünschten oder gefährlichen Wirkungen behaftetes Produkt herstellt und verkauft, das Produkt selbst prüft und bewertet – welches Interesse hätte er, es im Zweifel vom Markt zu nehmen? Das ist nicht mit dem Ziel eines wirksamen Arzneimittelüberwachungssystems zu vereinbaren. Pharmakovigilanz gehört in die Verantwortung einer gänzlich unabhängigen Behörde.

Wie haben die Herren und Damen in Brüssel und Berlin auf Ihre Argumentation reagiert?

Überrascht und vielfach ehrlich alarmiert. Nicht zuletzt weil nicht nur Tiere, Tierhalter und nichttierärztliche Therapeuten von den Folgen der Verordnung betroffen wären, sondern die gesamte Bevölkerung. Es geht nicht nur um Heimtiere, sondern gerade auch um Tiere, die der Lebensmittelgewinnung dienen, deren Fleisch wir essen und die wir uns sprichwörtlich „einverleiben“ – und damit auch alles, was diesen Tieren und der Natur unter Umständen „angetan“ wurde. Der beste Weg, um den Einsatz von Medikamenten und damit auch Antibiotika in der Tierhaltung zu vermeiden, ist, gesundheitliche Beeinträchtigungen und Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen. Angemessene und tiergerechte Haltungsformen, sinnvolle und ausgewogene Fütterung sowie eine umfassende Beratung der Tierhalter sind dabei wesentliche Parameter. Das gilt auch für die Massentierhaltung. Auch hier kann beispielsweise die Kombination von Homöopathie, einer Stallhygiene mithilfe natürlicher Mittel und der Futterergänzung auf natürlicher Basis den Einsatz von Antibiotika deutlich zu reduzieren. Das ist letztlich auch das, was mit der neuen Verordnung erreicht werden soll. Und es gibt bereits Betriebe, die das erfolgreich vorleben.

Wie sieht diesbezüglich das bislang geltende deutsche Recht aus?

Die deutsche Gesetzgebung hat bislang mit gutem Grund die Ernährung, Pflege, Geruchs- und Geschmacksbeeinflussung, Reinigung sowie Biozid-Anwendung aus dem Arzneimittelgesetz ausgeklammert. Das ist nur konsequent, da eine optimal gestaltete Fütterung und Pflege der Tiere vielen Krankheiten den Nährboden entzieht. Der Leitgedanke „Prävention vor Therapie“ war die Basis für die bisherige gesetzliche Regelung. Komplementär-alternativmedizinische Arzneimittel dienen gleichzeitig dem Schutz der Umwelt und der Verwirklichung des Nachhaltigkeitsprinzips. Der Vorrang der Verwendung komplementär- und alternativmedizinischer Arzneimittel ist umso wichtiger, als in Zukunft bestimmte Antibiotika in der Tierhaltung nicht mehr einsetzbar sein sollen. Die Produktion und Verwendung von komplementär-alternativmedizinischen Arzneimitteln bietet eine höhere Gewährleistung dafür, dass schädliche Stoffe sich nicht im menschlichen und tierischen Organismus und der Umwelt anreichern.

Gibt es etwas, das der einzelne Tierhalter momentan tun kann?

Ich denke, es ist wichtig, dass auch die Tierhalter über dieses Thema informiert sind. Sie können regelmäßig auf die Homepages von FNT und ATG schauen, denn sobald es Neuigkeiten gibt, werden wir diese dort kommunizieren. Sollten Initiativen oder Petitionen auf den Weg gebracht werden, könnten Sie diese mit Ihrer Stimme unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Lesen Sie jetzt die Stellungnahme des Branchenverbandes ATG e.V. sowie die Erklärung der Tierheilpraktikerverbände zur Problematik des EU-Verordnungsentwurfs zur Novelle des Tierarzneimitttelrechts.

Judith Böhnke

Judith Böhnke, ist ATN-Absolventin mit Spezialisierung auf Hund und Katze sowie VDTT-Vorstandsmitglied und Mitarbeiterin der ATN. Besonders wichtig ist ihr ein achtsamer, gewaltfreier Umgang sowohl mit den Tieren als auch den Tierhaltern. In ihrer Arbeit folgt Judith Böhnke dem Prinzip der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, welches sie auch auf die Mensch-Tier-Beziehung anwendet. Im Kosmos-Verlag ist 2013 ihr Buch "Mit Hunden gewaltfrei kommunizieren" erschienen, 2014 folgte ebenfalls bei Kosmos "Cocker Spaniel - Auswahl, Haltung, Erziehung, Beschäftigung".

Webseite: www.mensch-tier-akademie.de

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