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Grundbegriffe der Akupunktur (2): Yin und Yang

Innere Harmonie braucht das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang © Patricia Lösche Innere Harmonie braucht das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang

Philosophie des Yin und Yang

Für Außenstehende ist die Welt hinter der Akupunktur oft schwer verständlich, ein Sammelsurium obskurer Begriffe hart am Rande des Hokuspokus. Unsere Serie gewährt einen Blick hinter die Kulissen der Akupuktur, die alles andere ist als schwarze Magie. Eingebunden in die traditionelle chinesische Medizin (TCM) ist sie ein komplexes System zur Behandlung von Krankheiten. Um es verstehen zu können, ist es wichtig, zentrale Begriffe mit Inhalt zu füllen. Im zweiten Teil der Serie geht es um die Bedeutung von Yin und Yang.

Yin und Yang sind fast schon ein Synonym für alles, was mit asiatischer Kultur zu tun hat. Kaum einer, der das schon Kelten, Etruskern und Römern bekannte Symbol nicht kennt, den grafischen Kreis, in dem Schwarz (Yin) und Weiß (Yang) durch eine s-förmige Linie getrennt sind. Mit einem schwarzen Punkt im Weiß und einem weißen Punkt im Schwarz.

Dahinter steht das taoistische Naturverständnis, nach dem alle belebte und unbelebte Materie zwei Polaritäten aufweist: Yin und Yang. Sie bilden das Spannungsfeld, aus dem heraus Veränderung entsteht. Obwohl getrennt, sind sie voneinander abhängig und jedes ist im anderen enthalten. Im Taiji–Kreis wird das symbolisiert durch den Punkt in der jeweiligen Kontrastfarbe, den jede Hälfte aufweist. Keine herrscht über die andere, keine ist besser oder schlechter als die andere: Yin und Yang sind wertneutral. Sie polarisieren den unendlichen Kreislauf des Werdens und Vergehens, in dem es keinen Stillstand gibt und in dem alles mit allem verbunden ist.

Yin steht für das Ruhende, Bewahrende, das Nährende, Dunkle, Kalte und Feuchte, die Frau ist Yin, Innen ist Yin, ebenso Mond und Erde. Yang ist Bewegung, Hitze, Helligkeit, Aktivität. Yang ist der Mann, Außen und die Sonne sind Yang. Wie bei einem Stammbaum sind Yin und Yang unendlich teilbar. Jeder Mensch hat Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Eine Reihe, die wir letztlich fortsetzen können bis zum Beginn allen Lebens. Analog zur Aufzweigung eines Stammbaums lässt sich jedes Yin und jedes Yang wieder in Yin-Aspekte und Yang-Aspekte unterteilen. Und genau wie in einem Stammbaum ad infinitum. Grundsätzlich ist die Sonne Yang. Die untergehende Sonne aber ist Yin, die aufgehende dagegen Yang. Vollmond ist Yang, aber Neumond ist Yin. Doch im Vergleich zur Sonne ist der Mond Yin.

Yin und Yang definieren einander. Hell braucht dunkel; von heiß sprechen wir, weil wir wissen, was kalt ist; ohne Außen kein Innen; nur weil wir eine Vorstellung von leer haben, können wir sagen, was voll ist. Yin und Yang sind klar unterscheidbar und dennoch nicht voneinander zu trennen. Zwischen den Polen gibt es fließende Übergänge – in die eine wie in die andere Richtung. Der Kreis symbolisiert die Unendlichkeit des Geschehens an sich ebenso wie die Übergänge, die zu dieser Unendlichkeit führen. Jeder Punkt der Kreislinie hat einen Vorgänger, einen Nachfolger, ein Gegenüber.

Die Beziehungen von Yin und Yang

Zwar sind Yin und Yang gegensätzlich, doch Yin enthält bereits Anteile von Yang  und umgekehrt. Daher ist die Gegensätzlichkeit niemals absolut. Entscheidend ist die Bezugsgröße. In Relation zum Herbst ist der Sommer Yang, der Herbst Yin. In Relation zum Winter ist der Herbst Yang, der Winter Yin.

Gegensätze sind Extrempositionen, die ohne einander nicht existieren können. Wir brauchen den Tag um die Nacht zu definieren und umgekehrt. Darum ist die Gegensätzlichkeit auch eine Abhängigkeit, die Veränderung durch Annäherung in die eine oder andere Richtung ermöglicht. In der Annäherung verbrauchen beide einander. Wasser (Yin) löscht das Feuer (Yang), aber Feuer bringt das Wasser zum Verdampfen. Feuer und Wasserdampf sind Yang im Vergleich zum Wasser. Je mehr Wasser verdampft, desto geringer ist der Yin-Anteil, desto übermächtiger der Yang-Anteil. Verdampft nicht das Wasser im Feuer, sondern wird dieses durch das Wasser gelöscht, überwiegt das Yin gegenüber dem Yang. Harmonie besteht in unserem Beispiel nur, wenn es weder zu viel Feuer, noch zu viel Wasser gibt. Dann sind Yin und Yang im Gleichgewicht. Ein theoretischer Zustand, denn es handelt sich nicht um ein absolutes Gleichgewicht, sondern um ein relatives, das einer permanenten Veränderung unterworfen ist.

Im Laufe dieser Veränderung kann sich jedes in das andere verwandeln. Das geschieht immer dann, wenn ein Extrempunkt erreicht ist. Vollmond, der Yang-Aspekt des Mondes, ist so ein Extrempunkt. Abnehmend verwandelt er sich ins Gegenteil, den Neumond (Yin). Und dieser am Wendepunkt wieder in den zunehmenden Mond bis zum Vollmond. Auch Sommer- und Wintersonnenwende, Sonnenauf- und -untergang, Tag und Nacht sind gute Beispiele für die Umwandlung ins Gegenteil.

Jedes Wassermolekül und jeder Ozean, jedes Sandkorn und jede Wüste, jede Zelle und jedes Lebewesen, unser Planet und das gesamte Universum ist den Prinzipien von Yin und Yang unterworfen. Ohne Ausnahme.

Yin und Yang in der Akupunktur

Gesundheit steht der Krankheit als Pol gegenüber, aber beides sind Durchgangsstadien. Gesundheit als Zustand vollkommener Harmonie ist ein kurzer Moment, mehr ein theoretisch möglicher Zustand. Vergleichbar vielleicht mit einer Wippe. Auf dem Weg von der einen zur anderen Seite gibt es einen winzigen Moment des absoluten Gleichgewichts, der aber auch schon wieder vorüber ist, kaum dass er erreicht wurde.

Mittels Akupunktur versucht  die traditionelle chinesische Medizin/Veterinärmedizin  (TCM/TCVM) sich  bei der Behandlung eines Patienten dem Punkt der vollkommenen Gesundheit soweit es geht zu nähern. Da es sich bei Körperfunktionen um dynamische Prozesse handelt, nicht um einen statischen Zustand, entstehen in jedem Körper immer wieder systemische Imbalancen. Handelt es sich nicht um spontane traumatische Ereignisse, beginnen sie als kleinere Unausgewogenheiten. Unbehandelt verstärken sie sich. Am Ende steht die schwere Pathologie. Zur Erhaltung größtmöglicher Harmonie und Gesundheit sind daher regelmäßige Überwachungen nötig. So wird verhindert, dass sich die Disharmonie zu weit von der theoretisch möglichen vollkommenen Harmonie aller Körperfunktionen  entfernt.

Die Einteilung von Symptomen in Yin und Yang ist Teil der TCM-Diagnostik, nach der ein Therapie-Konzept erstellt wird. Ein Yin-Mangel kann bewirken, dass Yang überhand nimmt. Damit wird zu viel des nährenden Yin verbraucht. Ohne ein Einschreiten würde es aufgezehrt. Dann träte der Tod ein, denn ohne Yin kein Yang. Sehr hohes Fieber (Yang) wäre dafür ein Beispiel.

Mit Hilfe der Akupunktur-Diagnostik sucht der Behandler die Quelle der Unausgewogenheit und schafft durch Setzen von Reizen (Nadeln, Laser, Akupressur, Elektroakupunktur, Wärme) wenn möglich einen Ausgleich zwischen Yang und Yin. Regelmäßige Kontrollen im Viertel- oder Halbjahresrhythmus können im Rahmen des Machbaren helfen zu verhindern, dass aus kleinen Störungen schwere Krankheiten entstehen.

In der nächsten Folge: Das Qi - zentraler Begriff in der TCM/TCVM

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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