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Allergie beim Hund: Der lange Weg zur Diagnose

  • geschrieben von  Manuela Bulian, Jessica Lepa
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Allergie beim Hund: Der lange Weg zur Diagnose adogslifephoto - AdobeStock Allergie beim Hund: Der lange Weg zur Diagnose

Allergien und Futtermittel-Unverträglichkeiten bei Hunden nehmen zu. Es trifft vor allem Haut und Schleimhäute, die wichtigsten Kontaktflächen zur Umwelt und damit zu Allergenen. Verdauungsprobleme, Juckreiz und Hautentzündungen sind die Folge. Ist der Auslöser erst einmal identifiziert, lässt er sich der Kontakt durch Management-Maßnahmen manchmal vermeiden. Aber bis dahin kann es ein langer Weg sein. Geduld der Halter ist gefragt. Um so wichtiger ist es zu verstehen, warum es so lange dauert und so schwierig ist, Allergien und Unverträglichkeiten in den Griff zu bekommen.

Häufiges Beknabbern kann ein Hinweis sein auf eine Allergie Häufiges Beknabbern kann ein Hinweis sein auf eine Allergie (© ulkas - stock.adobe.com)

Das passiert im Darm bei einer Futtermittel-Allergie

Nahrung enthält verwertbare, unbrauchbare und schädliche Inhaltsstoffe. Was davon in den Körper gelangt und was nicht, hängt von der Durchlässigkeit der Darmwand ab. Die Schleimhaut, mit der er ausgekleidet ist, stellt normalerweise eine natürliche Barriere für schädliche Nahrungsinhalte dar. Ist diese Barriere jedoch geschwächt, dann kann sie ihre Aufgabe nicht mehr oder nicht vollständig erfüllen. Jetzt können Fremdstoffe leichter in die Blutbahnen gelangen und die Entstehung einer Allergie auslösen. Das als Erkrankung diskutierte Leaky Gut Syndrom wird damit in Zusammenhang gebracht. Ob als Ursache oder als Folge ist noch ungeklärt.

Nice to know: So funktioniert die Verdauung
Der Verdauungsprozess beginnt bereits in der Maulhöhle. Neben Speiseröhre und Magen findet aber der größte Teil der Verdauung im Darm statt. Der Nahrungsbrei gelangt zunächst in den Dünndarm und wird dort mit Verdauungsenzymen aus der Bauchspeicheldrüse vermischt. Der je nach Größe des Hundes 1,8 bis 4,8 Meter lange Dünndarm ist mit Darmzotten ausgestattet, Ausstülpungen der Darmschleimhaut, die die stoffwechselaktive Oberfläche des Dünndarms nach innen vervielfachen. Hier werden dem Nahrungsbrei die meisten Nährstoffe entzogen. Nach etwa zwei Stunden gelangen Nahrungsbestandteile, die vom Dünndarm nicht verwertet wurden, in den Dickdarm. Dort werden hauptsächlich Elektrolyte und Wasser aufgenommen. Darmbakterien - die Darmflora - sorgen für eine Umwandlung und Verwertung noch vorhandener Nährstoffe, bevor das Unverdauliche als Kot abgesetzt wird.

Immunsystem und Allergie – eine enge Verbindung

Aber das Immunsystem ist nicht unfehlbar. Es kann passieren, dass eigentlich harmlose Polypeptide oder Teile von ihnen vom Immunsystem fälschlicherweise als gefährlich eingestuft werden. Nach einem ersten Kontakt entwickelt das Immunsystem ein Gedächtnis dafür und bei erneutem Kontakt kommt es zu einer Immunreaktion. Stoffe, die eine solche Reaktion auslösen, werden als Allergene bezeichnet. Allergene sind also eigentlich unschädliche Inhaltsstoffe, die vom Immunsystem fälschlicherweise als gefährlich eingestuft und bekämpft werden.

Das Immunsystem bekämpft sie mit Abwehr- und Entzündungsprozessen, die Symptome im Verdauungstrakt und auf der Haut bewirken. Im Bereich von Magen und Darm kann das eine Veränderung der Verdauungsvorgänge zur Folge haben. Durchfall und andere Verdauungsstörungen können die Folge sein. Allerdings darf nicht zwingend auf eine Futtermittelallergie geschlossen werden, wenn ein Hund nach der Futteraufnahme regelmäßig Durchfall bekommt. Es können auch andere Gründe vorliegen, die ebenfalls abgeklärt werden müssen.

Großflächige Entzündungsreaktion der Haut aufgrund einer Allergie Großflächige Entzündungsreaktion der Haut aufgrund einer Allergie (© ThamKC - stock.adobe.com)

Allergisch bedingte Hauterkrankungen

Der Darm reagiert auf Allergene mit Verdauungsveränderungen, die Haut mit chronischem Juckreiz oder Entzündung. Dabei wirken ebenfalls die oben beschriebenen Mechanismen, nur zeigen sich die Auswirkungen an anderer Stelle. Allergisch bedingte Dermatosen (Hauterkrankungen) können sowohl durch innere Faktoren wie durch äußere Einflüsse entstehen.

Unterschieden wird zwischen einer Futtermittelallergie (auch „Futtermittel-induzierte atopische Dermatitis“) und atopischer Dermatitis. Bei der futtermittelinduzierten atopischen Dermatitis ist ein Versagen der inneren Schutzbarrieren (vor allem der Darmschleimhaut) für die Hautreaktionen verantwortlich, die atopische Dermatitis wird dagegen durch Allergene ausgelöst., die direkt auf die Haut wirken.

Allergenen besonders ausgesetzt: die Haut als Kontaktfläche zur Umwelt Allergenen besonders ausgesetzt: die Haut als Kontaktfläche zur Umwelt (© mirkosajkov - Pixabay)

Nice to know: So funktioniert die Körperhaut
Die Haut ist das größte Sinnes- und Stoffwechselorgan des Körpers. Sie ist die Barriere zwischen Umwelt und Körper, schützt ihn vor Verletzungen, Hitze oder Kälte und vor Krankheitserregern. Außerdem reguliert sie Körpertemperatur, Wasser- und Salzhaushalt. Die Körperhaut besteht aus drei Gewebeschichten. Die äußere Schicht wird als Epidermis bezeichnet und ist die Kontaktfläche des Körpers zur Umwelt. Nach innen schließt sich die Dermis an. Sie dient kleinen Blutgefäßen (Kapillaren), Hautanhangsgebilden und Nerven als Stützgerüst und bietet durch ihre Elastizität Schutz vor Risswunden. Als letzte Schicht folgt nach innen die Subcutis. Ihr lockeres Bindegewebe dient den darüber liegenden Hautschichten als Unterlage. In der Subcutis befinden sich größere Blutgefäße und Nerven. Außerdem Mechanorezeptoren, die mechanische Reize wie Berührungen in nervöse Reize umwandeln, die die Information an das Gehirn weiterleiten. Außerdem enthält sie das Unterhaut-Fettgewebe und dient dadurch als Energiespeicher. Krallen, Fell und die Talg- und Schweißdrüsen gehören zu den sogenannten Hautadnexen (Anhangsgebilden).

Atopische Dermatitis

Bei der atopischen Dermatitis durchdringen die Allergene die äußere Hautbarriere. Das können Umweltallergene sein, die ganzjährig vorkommen (wie Flohspeichel, Futtermilben, Hausstaubmilben, Chemikalien oder Schimmelpilze), aber auch saisonal bedingte Allergene (wie Pollen und Gräser).

Auslöser und Symptome einer atopischen Dermatitis

Mögliche Auslöser einer atopischen Dermatitis: Symptome einer atopischen Dermatitis:
Ektoparasiten
Infektionen der Haut
Endokrinologische (hormonelle) Erkrankungen
Autoimmunerkrankungen
Nährstoffmangel
Durch bertriebene oder vernachlässigte Pflege Störung
der physiologischen Hautflora
Schuppenbildung
Seborrhoe (verstärkte Talgbildung)
Pruritus (Juckreiz)
Alopezie (Haarausfall
Papeln (Bläschen)
Exkoriationen (Hautdefekte)
Follikulitis (Haarbalgentzündung)

Betroffene Tiere belecken und beknabbern häufig vor allem Pfoten, Bauch, Innenflächen der Extremitäten und Lefzen. Der ständige Juckreiz in Verbindung mit den dadurch ausgelösten Hautmanipulationen führt zu weiteren Schädigungen der Haut. Ist die Hautbarriere zerstört, können eindringende Bakterien zusätzlich (sekundär) Infektionen und eitrige, übel riechende und teils schwere Hautentzündungen verursachen, sogenannte Hot Spots.

Hot Spots können sekundär durch Belecken der Haut aufgrund von Juckreiz im Rahmen einer Allergie entstehen Hot Spots können sekundär durch Belecken der Haut entstehen. (© Юлия Усикова - stock.adobe.com)

Unverträglichkeit oder Allergie?
An einer Allergie ist immer das Immunsystem beteiligt. Ihr geht ein Erstkontakt mit dem Allergen voraus, der völlig unbemerkt bleiben kann, aber im „Gedächtnis“ der Immunabwehr gespeichert wird. Erst ein neuerlicher Kontakt aktiviert die Abwehrkräfte des Immunsystems gegen das Allergen und die Allergie entsteht. Eine Unverträglichkeit (Intoleranz) findet ohne Beteiligung des Immunsystems statt. Bekannt ist zum Beispiel die Laktoseintoleranz, bei der in der Milch enthaltene Laktose (Milchzucker) nicht verstoffwechselt werden kann. Dazu wird das Enzym Laktase benötigt. Es spaltet Laktose in verwertbare Komponenten, die dann über den Dünndarm aufgenommen werden können. Fehlt es oder gibt es davon nicht genug, gelangt Laktose in den Dickdarm. Dort wird der Milchzucker von den Darmbakterien verstoffwechselt, was zu Verdauungsproblemen mit Allergie-ähnlichen Symptomen führt, aber ohne Beteiligung des Immunsystems.

Die schwierige Suche nach dem Allergen

Hautfunktionsstörungen, ganz gleich, ob Körperhaut oder Schleimhäute betroffen sind, entwickeln oft eine ausgeprägte Symptomatik und ziehen in schweren Fällen eine hochgradige Beeinträchtigung der Lebensqualität nach sich. Der Diagnose einer Futtermittelallergie oder Futtermittelunverträglichkeit geht daher nicht selten eine lange Leidensgeschichte voraus. Ganz gleich, welche der beiden Ursachen den Symptomen zugrunde liegt: Für die Therapie spielt das eine untergeordnete Rolle, denn in jedem Fall muss das auslösende Allergen erst ermittelt und dann gemieden werden.

Im Falle einer Futtermittelallergie erfolgt dies durch eine Ausschlussdiät (Eliminationsdiät). Eine sehr langwierige Prozedur, die vom Besitzer eine hohe Bereitschaft zur Mitwirkung und Konsequenz in der Durchführung voraussetzt. Die Ausschlussdiät kann mit einer kommerziellen hypoallergenen oder hydrolysierten Diät (Trocken- oder Nassfutter) erfolgen oder aber selbst zubereitet werden. Um sicherzugehen, dass der Hund aufgrund der Diät keinen Nährstoffmangel erleidet, ist dafür unbedingt eine kompetente fachliche Ernährungsberatung erforderlich.

Wälzen: Nicht immer reine Lebensfreude, manchmal auch generalisierter Juckreiz aufgrund von Allergie Wälzen: Nicht immer reine Lebensfreude, manchmal auch Juckreiz. (© Rita Kochmarjova - stock.adobe.com)

Kampf gegen die Allergie: Hundehalter brauchen Geduld

Wichtig ist: Der Hund darf zuvor noch keinen Kontakt zu den neuen Futterbestandteilen gehabt haben und der Diätplan muss über zwei bis drei Monate genau eingehalten werden. Selbst zwischendurch gefütterte Leckerli dürfen nur aus den im Diätplan genannten Proteinen bestehen. Sind Futtermittel-Allergene auf diese Weise ausgeschlossen worden, kann begonnen werden, andere Proteinquellen wieder hinzuzuziehen. Jeweils nur eine zur Zeit. Nur so kann sicher herausgefunden werden, welche beim Hund eine allergische oder eine Unverträglichkeits-Reaktion hervorruft und welche zur Ernährung herangezogen werden kann.

Eine meist sehr langwierige, nervenaufreibende Prozedur, bei der es immer wieder zu Rückschlägen kommen kann. Erfahrungsgemäß scheuen sich deshalb die meisten Halter davor, weitere Eiweißquellen (Proteine) auf ihre Verträglichkeit zu prüfen. Nach einer langen Leidensgeschichte ihres Hundes sind sie froh darüber, endlich ein Futter für ihn gefunden zu haben, das er verträgt. Zwar vereinfacht eine größere Bandbreite möglicher Futterquellen die Fütterung langfristig. Aber die Angst vor einer Reaktivierung der Allergie ist oft größer als der mögliche Komfortgewinn.

Es kann lange dauern, bis die Auslöser einer Futtermittel-Unverträglichkeit identifiziert sind. Es kann lange dauern, bis die Auslöser identifiziert sind. (© Sabine Teichert - stock.adobe.com)

Allergietest und Desensibilisierung

Wie beim Menschen besteht auch beim Hund die Möglichkeit, eine atopische Dermatitis über einen Allergietest und nachfolgende Desensibilisierung auf das identifizierte Allergen zu behandeln. Die auslösenden Umwelt-Allergene sind im Gegensatz zu Allergenen in Futterquellen meist nicht zu vermeiden oder zu eliminieren. Den Körper stattdessen in die Lage zu versetzen, weniger empfindlich zu reagieren, kann in diesem Fall einen Versuch wert sein. Aber auch hier gilt: Hundehalter müssen oft viel Geduld aufbringen.

Fazit

Hunde – aber auch Katzen und andere Tiere - können wie wir Menschen auf verschiedene Stoffe mit allergischen Reaktionen oder Unverträglichkeiten reagieren. Chronischer Durchfall, permanenter Juckreiz und heftige Hautentzündungen bedeuten eine erhebliche Verringerung der Lebensqualität, beim Hund wie bei seinen Haltern. Darum lohnt sich jeder Versuch, die Situation zu verbessern. Zunächst durch eine gezielte und vor allem sach- und fachkundige Diagnostik, die andere mögliche Erkrankungen ausschließt. Dann durch geeignete Maßnahmen zur Identifikation des Allergens oder der Allergene. Erst danach kann über die Art der therapeutischen Maßnahmen entschieden werden. Vom Halter ist Durchhaltevermögen gefragt und eine sehr enge Kooperation mit Spezialisten auf dem Gebiet, denn Hunde, die eine ausgeprägte Allergie entwickelt haben, leiden sehr. Die Empathie allergiegeplagter Menschen ist ihnen sicher.

Manuela Bulian

Manuela Bulian ist seit 2009 Tierärztin und praktiziert in einer großen Kleintierpraxis in Nordrhein-Westphalen. Neben der allgemeinen Sprechstunde liegt ihr Schwerpunkt in der Weichteilchirurgie. Des Weiteren ist sie seit 2019 als freie Autorin tätig und schreibt in diesem Rahmen tiermedizinische Fachtexte und Präsentationen und hält Seminare rund um das Thema Tiermedizin. Privat lebt sie mit Mann und Kindern auf einem Hof, den die Familie mit ihren Ponys, Zwergziegen, Hunden und Katzen teilt.

Jessica Lepa

Jessica Lepa ist ausgebildete Tiermedizinische Fachangestellte und Praxismanagerin in einer Tierarztpraxis, absolvierte eine Zusatzausbildung zur Tierernährungsberaterin und betreibt eine eigene Tierernährungsberatung.

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