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Atypische Weidemyopathie bei Pferden: Der plötzliche Tod

Atypische Weidemyopathie bei Pferden: Nur auf abgefressenen Koppeln wahrscheinlich Patricia Lösche Atypische Weidemyopathie bei Pferden: Nur auf abgefressenen Koppeln wahrscheinlich

Atypische Weidemyopathie, auch plötzlicher Weidetod genannt, ist im Frühling und Herbst ein Schreckgespenst für Pferdehalter. Rund 75-90 Prozent der betroffenen Pferde sterben an der rasant fortschreitenden Muskelerkrankung. Oft werden sie morgens tot auf der Koppel liegend aufgefunden, ein Albtraum für ihre Besitzer. Seit Bekanntwerden zu Beginn des letzten Jahrhunderts sind der Pferdekrankheit einige tausend Pferde zum Opfer gefallen. Behandelbar sind nur mildere Verläufe. Gutes Weidemanagement hilft, das Risiko gering zu halten

Schleichende Vergiftung

Atypische Weidemyopathie (Equine atypical myopathy; AM) ist die Folge einer schleichenden Vergiftung. Als Auslöser wurde nach verschiedenen Hypothesen 2012 das Protein Hypoglycin A ausgemacht, ein in den Samen und Sämlingen des Berg-Ahorns (Acer pseudoplantanus) enthaltenes Gift. Eine im Herbst 2015 veröffentlichte Studie bestätigte das noch einmal.

Atypische Weidemyopathie bei Pferden: Herausgelöster (links) und geflügelter Samen des Bergahorns: Sein Gift verursacht den plötzlichen Weidetod

Von der Muskelerkrankung sind eher gut genährte, junge Pferde betroffen, die bei mässigem Frost auf feuchten, überweideten und ungepflegten, eher nährstoffarmen Weiden stehen. Zwischen Herbst 2006 und Januar 2015 wurden der weltweit arbeitenden Forschungsgruppe AMAG ((Atypical Myopathy Alert Group) 1600 Fälle in 20 Ländern Europas gemeldet. Aber auch in den USA, Neuseeland und Australien sterben Pferde den plötzlichen Weidetod. Weltweit 413 Fälle wurden allein 2014 registriert. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich höher.

Nicht jedes Pferd erkrankt

Nicht jedes Pferd einer betroffenen Herde und nicht jedes Pferd, bei dem Hypoglycin A (HGA) im Blut nachgewiesen wird, erkrankt. Auch klinisch unauffällige Tiere hatten erhöhte Konzentrationen an HGA im Blutserum. Mit 108,8 +/- 83,76 μg/L jedoch deutlich geringere Mengen als erkrankte Artgenossen. Bei ihnen wurden 387.8–8493.8 μg/L im Serum nachgewiesen, gesunde Pferde aus Kontrollbeständen hatten weniger als 10 μg/L des Toxins im Blut.

Es besteht die Möglichkeit, dass manche Pferde resistent sind. Vermutlich, weil ihr Körper über Mechanismen verfügt, die die Verstoffwechselung des Giftes blockieren. Zu diesem Ergebnis kommt Dominique-Marie Votion (Universität Lüttich), Leiterin der AMAG, in einer im November 2015 veröffentlichten Publikation.

Erst wenn es im Spätherbst mehrere Tage stark friert oder Schnee fällt wird das Gift aus unbekannten Gründen wirkungslos. Aufgrund welcher Mechanismen starker Frost, Schnee und andere Faktoren eine Erkrankung verhindern, ist noch ungeklärt. Ebenso wenig ist bekannt, ob auch die Früchte anderer Ahornarten eventuell als Intoxikationsquelle infrage kommen. Das, so Votion, müsse in den nächsten Jahren untersucht werden. Im Frühjahr ist die Gefahr gebannt, wenn ab Mai das Grasangebot zunimmt und die Pferde die Sämlinge nicht mehr fressen.

Etwa 12 – 48 Stunden nach Aufnahme beginnt das Gift zu wirken. Sind die Symptome der Myopathie bereits ausgeprägt, ist es für ein Eingreifen meist schon zu spät. Ob Überlebenschancen bestehen, hängt entscheidend von der aufgenommenen Menge des Giftes und der Schnelligkeit der medizinischen Versorgung ab. Hypoglycin A blockiert Enzyme, mit Hilfe derer aus Fett Energie gewonnen wird. Überweidete Koppeln liefern nur wenig Energie. Der Stoffwechsel der darauf grasenden Pferde ist deshalb zur Energiegewinnung auf die Verbrennung von Körperfett eingestellt und angewiesen. Bricht der Fettstoffwechsel durch die Aufnahme von Hypoglycin A zusammen, werden Skelettmuskeln, Herz- und Atemmuskulatur nicht mehr mit Energie versorgt. In der Folge zeigt das Pferd Mattigkeit, forcierte Atmung und erhöhten Puls, Muskelzittern und ataktischen, schwankenden Gang. Die erkrankten Tiere stürzen und es kommt zum Festliegen. Die Schleimhäute sind blass, die Kaumuskulatur versagt den Dienst, obwohl die Pferde noch zu fressen versuchen, selbst im Liegen. Kolikanzeichen, Schwitzen und Untertemperatur gehören ebenso zum klinischen Bild der Erkrankung wie die Dunkelfärbung des Urins (Myoglobinurie).

Weit verbreiteter Auslöser der Atypischen Weidemyopathie: Der Berg-Ahorn

Der Berg- Ahorn ist ein recht weit verbreiteter Baum. Bei uns ursprünglich in mittleren Höhenlagen (900-1300 m) beheimatet, wurde der schnellwüchsige, wirtschaftlich gut nutzbare und als Solitär beeindruckende Baum auch in tieferen Lagen angesiedelt. Seine für Ahorngewächse typischen Flügelfrüchte streut er im Herbst etwa ab Oktober aus. Bis zu 100 Meter weit vom Mutterbaum entfernt werden sie gefunden. Im Frühling keimen daraus die ersten Blättchen. Auch sie enthalten das Gift. Aus diesem Grund kommt es sowohl im Herbst als auch im Frühling zu Fällen von Atypischer Weidemyopathie.

Normalerweise verschmähen Pferde Samen und Sämlinge des Berg-Ahorns. Aber stehen sie im Herbst und Frühling auf überweideten Koppeln mit zu geringem Futterangebot, lässt sie der Hunger weniger wählerisch werden. Noch unklar ist, ob Samen und Sämlinge tatsächlich gefressen werden müssen, oder ob durch die Feuchtigkeit der Böden eine Anreicherung mit dem Toxin im Weidegras erfolgt. Auch eine Intoxikation der Oberflächengewässer, etwa Wasserläufe oder Tümpel auf den entsprechenden Koppeln, sei durchaus denkbar, heißt es bei Voitin. Dass Feuchtigkeit eine Rolle spielt, scheint sicher zu sein.

Atypische Weidemyopathie bei Pferden: Blatt und Blütenstand des Berg-Ahorns

Begünstigende Faktoren für den plötzlichen Weidetod

  • Berg-Ahorn in der Umgebung der Weidefläche
  • überweidete, ungedüngte Pferdekoppeln ohne Zufütterung
  • feuchte Böden
  • leichter Frost
  • plötzliche Wetterverschlechterung und starker Wind
  • Weideaufenthalt über mehrere Tage mehr als sechs Stunden täglich
  • wohlgenährte Jungpferde

Schulmedizinische Therapie der Atypischen Weidemyopathie

Die akute Erkrankung gehört in die Hände eines Tierarztes. Seine Maßnahmen zielen auf die Stabilisierung des Stoffwechsels, Stützung der Muskelfunktion und die Energieversorgung ab. Eine schnelle Intensiv-Versorgung verbessert die Prognose hinsichtlich der Lebenserwartung des Pferdes erheblich. Für schwitzende Pferde, die Atemnot (Dyspnoe) und beschleunigten Puls (Tachykardie) zeigen, nicht mehr fressen und festliegen kommt allerdings fast immer jede Hilfe zu spät.

Behandelt werden die Symptome, bis das Gift im Körper abgebaut ist. Die Therapie erfolgt durch

  • die Gabe von Vitaminen, Antioxidantien und Carnitin
  • Glukose-Infusionen
  • die Optimierung des Säure-Basen-Haushaltes
  • die Stabilisierung des Elektrolyt-Haushaltes
  • kohlenhydratreiches Futter, sofern es noch aufgenommen werden kann
  • Schmerzmittel

Naturheilkundliche Behandlung

Auch die naturheilkundliche Behandlung darf nur durch einen gründlich ausgebildeten und mit der Pathophysiologie (Entstehung und Werdegang der Krankheit im Körper) ebenso wie mit den therapeutischen Methoden vertrauten Tierheilpraktiker erfolgen. Einen seriösen Therapeuten in Ihrer Nähe finden Sie über den Fachverband Niedergelassener Tierheilpraktiker www.f-n-thp.de

Nach überstandener Krise können naturheilkundliche Maßnahmen die Genesung des Pferdes sehr gut unterstützen. Der Pflanzenfresser Pferd ist für eine Therapie mit Kräutern (Phytotherapie) prädestiniert. Heilkräuter und Heilpilze verbessern den Stoffwechsel: Mariendiestel stärkt die durch die Krankheit extrem belastete Leber, Weißdorn die Herztätigkeit, andere Kräuter können helfen, den Gewebestress zu minimieren.

Akupunktur kann stoffwechselstützend, schmerzlindernd und krampflösend eingesetzt werden, Homöopathika beispielsweise als Konstitutionsmittel. Aber auch andere Therapieformen und -schwerpunkte kommen in Frage. Werden sie geschickt kombiniert, lassen sich Synergie-Effekte erzielen, die die Wirkung noch verstärken. Hat das Pferd es geschafft, die Erkrankung zu überwinden, ist es sinnvoll, den Trainingsbeginn physiotherapeutisch, eventuell auch chiropraktisch zu begleiten. Vom Umfang der Gewebe- und Organschädigungen hängt es ab, ob eine vollständige Regeneration möglich ist.

Das Risiko einer Vergiftung mit Hypoglycin A lässt sich klein halten

Um das Risiko eines Ausbruchs von Atypischer Weidemyopathie so gering wie möglich zu halten, sollten Pferde im Herbst und im Frühling nicht für längere Zeit auf überweideten Koppeln stehen, in deren Nähe Berg-Ahorn wächst. Das gilt insbesondere für Zeiten mit kritischer Wetterlage. Da nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch das Wasser mit dem Toxin belastet ist, sollte der Wasseraufnahme aus natürlichen Quellen durch das Aufstellen von Leitungswasser-Tränken entgegen gewirkt und Stauwasser-Tümpel eingezäunt werden. Die Pferde sollten nicht länger als vier Tage und maximal sechs Stunden täglich auf diese Flächen gelassen werden. Bei allen bekannten Fällen lagen die Weidezeiten darüber.

Die beste Vorsorge ist ein fachgerechtes Weidemanagement mit gut gepflegten, korrekt bewirtschafteten und ausreichend gedüngten Pferdeweiden ohne Kurzverbiss. Außerdem eine angepasste ständige Zufütterung mindestens von Heu und Mineralfutter, wenn das Grasangebot ab dem Spätsommer nicht mehr ausreicht. Das gilt insbesondere in feuchten Lagen und dort, wo die Topografie der Koppel Senken aufweist, vor allem bei Beweidung durch Jungpferde.

Quellen:

Dominique-Marie Votion, Universität Lüttich (Belgien): The cause of atypical myopathy has been discovered – what should be done now? (Pferdeheilkunde November/Dezember 2015)

Mandy Bochnia et al: Hypoglycin A Content in Blood and Urine Discriminates Horses with Atypical Myopathy from Clinically Normal Horses Grazing on the Same Pasture (PLOS One, 17.9.2015)

Dr. med. vet. Uwe Hörügel: Bergahorn als Ursache für die Atypische Weidemyopathie? Kritische Zeit! (Sächsische Tierseuchenkasse, undatiert)

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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