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Die Hyalomma-Zecke: Eine neue Zeckenart in Deutschland

Die Hyalomma-Zecke: Eine neue Zeckenart in Deutschland Marko Drehmann, Pressematerial Universität Hohenheim Die Hyalomma-Zecke: Eine neue Zeckenart in Deutschland

Die Hyalomma-Zecke ist relativ groß und auffällig, also gut erkennbar. Aber sie ist auch ein bisschen gruselig, denn anders als unsere bekannten Arten ist sie eine aktive Jägerin, die ihre Opfer, Großsäuger wie Rind und Pferd, aber auch Menschen auf zehn Meter Entfernung erkennt und mehrere hundert Meter weit verfolgen kann, erklärt die Zeckenexpertin und Parasitologin an der Universität Hohenheim, Prof. Dr. Ute Mackenstedt. Allerdings nur, wenn es nicht besonders schnell ist. Aber wie gefährlich ist sie wirklich - müssen wir uns vor ihr fürchten?

Hylomma: Einwanderung als blinder Passagier

Die Tropenzecke kam vermutlich als Fluggast aus Südeuropa, Asien und Afrika, an Bord von Zugvögeln. Wie unsere bekannten Zecken kann sie Krankheiten übertragen: das Krim-Kongo-Hämorrhagische Fieber und das Fleckfieber, die beide mit hohen Fieberschüben und Kopf- und Gliederschmerzen einhergehen. Das Krim-Kongo-Hämorrhagische Fieber zudem mit schweren Blutungen, die tödlich enden können. Diagnose und Therapie sind bei uns angesichts ihres seltenen Vorkommens eine Herausforderung, zumal die Zeckenstiche selbst kaum bemerkt werden.

Im Sommer 2019 krabbelte die „Riesenzecke“ als neue Bedrohung durch die Medien. Die Zahl sicher identifizierter Hyalomma-Zecken ist seit dem Erstfund im Jahr 2007 in Deutschland tatsächlich gestiegen. Beim Robert-Koch-Institut wurden 2018 insgesamt 19 Exemplare abgegeben, und die Universität Hohenheim meldete für 2019 bis einschließlich August 50 gefundene Exemplare. Im Jahr davor waren es nur 35 gewesen. Von den in 2019 in Hohenheim untersuchten Exemplaren trug laut Mackenstedt fast jede zweite den Fleckfieber-Erreger in sich. Und im Juli 2019 erkrankte ein Pferdehalter nach einem Zeckenstich erstmals am Krim-Kongo-Hämorrhagischen Fieber, konnte aber erfolgreich behandelt werden. In der sichergestellten Zecke wurde dessen Erreger nachgewiesen. Um die Ausbreitung der tropischen Zecke bei uns zu dokumentieren, bittet die Universität Hohenheim, verdächtige Zeckenfunde zur Bestimmung einzuschicken. Auch das Robert-Koch-Institut freut sich über eingesandte Zeckenfunde, immer datiert und mit Angabe zum Fundort und wen sie gestochen hat.

Neue Zecke, aber kein Grund zur Panik

Die genannten Zahlen deuten nicht gerade auf eine Invasion hin und Panik ist unangemessen. Aber man sollte die neue Zeckenart kennen, denn das wärmere Klima schafft günstige Bedingungen für ihre Ansiedlung und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir uns langfristig auf sie einstellen müssen. Als tropische Zeckenart konnte sich Hyalomma bei unseren gemäßigten Temperaturen in Deutschland bislang nicht vermehren. Früh im Jahr gefundene Exemplare zeigen aber, dass sie inzwischen zumindest hier überwintern können. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts kann die Zecke Temperaturen bis minus 40 Grad überdauern, aber Larven und Nymphen sterben bei Kälte ab. Ob die überlebenden Tiere tatsächlich eine stabile Population etablieren können ist noch fraglich. Aber „der Klimawandel scheint es der Hyalomma Zecke zu erlauben, in Deutschland Fuß zu fassen“, so Mackenstedt.

Die Zecke ist größer als bekannte Arten

Mit ein bis zwei Zentimetern Länge ist diese Zecke etwa dreimal größer als unsere heimischen Arten. Dass auch sie Krankheiten übertragen ist allgemein bekannt. Häufige Vertreter sind

  • Ixodes ricinus (Holzbock)
  • Ixodes hexagonus (Igelzecke)
  • Dermacentor reticularis (Auwaldzecke)
  • Dermacentor marginatus (Schafzecke)
  • Ixodes scapularus (Hirschzecke)

Die Braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus) sticht - anders, als ihr Name vermuten lässt - auch Menschen und ist weltweit die häufigste Art, fühlt sich aber in Deutschland wegen der Klimabedingungen (noch) nicht wirklich zuhause, denn sie liebt es mediterran-trocken. Wer sie allerdings unbemerkt aus dem Süden ins heimische Wohnzimmer einschleppt, kann damit den Grundstein für eine Brutstätte in den eigenen vier Wänden legen.

In Deutschland heimische Zecken warten, bis ein geeigneter Wirt vorbeikommt. In Deutschland heimische Zecken warten, bis ein geeigneter Wirt vorbeikommt. (© Ippicture - Pixabay)

Anders als die Hyalomma-Zecke warten heimische Zecken gern in Mischwäldern und auf Wiesen auf ihre “Opfer”. Sie lauern bis zu 50 cm hoch im Gras und Gebüsch und lassen sich von dort auf ihr vorbeilaufendes „Opfer“ fallen, bzw. ins Fell streifen. Der Zeckenstich wird meist spät, oft gar nicht bemerkt. Ihr Speichel enthält hunderte von Substanzen, die u.a. entzündungshemmend, gerinnungshemmend und schmerzstillend wirken. Damit fühlt der Wirt den Saugakt nicht. Das vollgesogene Weibchen lässt sich auf den Boden fallen, legt dort ihre Eier ab und stirbt danach.

Zu den am häufigsten vorkommenden, durch Zecken übertragenen Erregern zählen z.B. Borellia burgdorferi sensu latu als Auslöser der Lyme Borreliose. Diese können überall in Deutschland vorkommen und werden von Ixodes ricinus übertragen. Nach einem Stich kann (muss nicht!) ein typisches Erythema migrans („Wanderröte“ um die Stichstelle) entstehen. Die lange Inkubationszeit, die verschiedenen Symptome und ein schwieriger Nachweis im Blut über Antikörper machen die rechtzeitige Therapie sehr kompliziert.

Hyalomma ist - wie ihre auf der ganzen Welt verbreiteten Zecken-Verwandten - ein sogenannter Vektor, eine Verbreiterin bei der Übertragung von Erregern. Als typische Zeckenkrankheiten werden z.B. Borreliose, Babesiose, Anaplasmose und insbesondere die Frühsommer-Meningoenzephalitis FSME von heimischen Zeckenarten übertragen. Darum werden diese Krankheiten auch als Vektorenkrankheiten bezeichnet. In ihrer Funktion Vektor trägt die Zecke die Erreger in sich, erkrankt aber nicht selbst, sondern überträgt sie auf Organismen, die von ihr gestochen werden, also beispielsweise auf uns, unsere Hunde, Katzen oder Pferde.

Wie bei allen Zeckenkrankheiten ist die Verhinderung von Zeckenstichen durch tierartspezifische Antiparasitika, lange Hosen (am besten in die Socken stecken!) und das regelmäßige gründliche Absuchen des Körpers und schnelle Entfernen der gesamten Zecke, die wirksamste Methoden, eine Infektion zu verhindern.

Der Artikel ist in Zusammenarbeit mit Tierärztin Jessica Firchow aus Berlin entstanden.

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. Seit 2014 schreibt sie für ATM und ATN Blogbeiträge, ist Autorin von Skripten und betreut als Tutorin die Studierende unterschiedlicher Fachbereiche. In die Wissensvermittlung fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und 1.Vorsitzende im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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