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Fellwechsel beim Pferd: Decke, ja oder nein?

Fellwechsel beim Pferd: Decke, ja oder nein? © Anestiev - Pixabay Fellwechsel beim Pferd: Decke, ja oder nein?

Die Tage werden kürzer, die Außentemperaturen sinken und in vielen Ställen beginnt die Saison der Schermaschinen und Pferdedecken. Ein wohlüberlegtes Management des Pferdes während des Fellwechsels ist wichtig, um das Tier auch in der kalten Jahreszeit optimal zu begleiten. Häufig werden jedoch die Bedürfnisse der Menschen auf die Pferde übertragen. Doch gut gemeint ist eben oft nicht gut gemacht. Mit oder ohne Decke: Wie bringen wir unsere Pferde denn nun wirklich am besten durch den Winter?

Der Wintermantel des Pferdes

Pferde wechseln ihr Fell im Verlauf ihres Lebens sowohl entsprechend ihrer genetischen Programmierung in bestimmten Altersabschnitten als auch in Anpassung an die jahreszeitlich bedingten Witterungsverhältnisse.

Das Fellwachstum verläuft dabei nicht kontinuierlich, sondern im Wechsel von Wachstums- bzw. Ruhephasen (anagene und telogene Phase). Hauptsächlich wird der Fellwechsel durch die Veränderungen der Tageslichtlänge ausgelöst (Photoperiodismus). Lichtsignale werden im Gehirn über die Zirbeldrüse und die Hirnanhangdrüse auf verschiedenen Wegen in hormonelle Signale umgewandelt, die dann das Wachstum des Fells beeinflussen.

Das Fell des Pferdes übernimmt unterschiedliche Aufgaben. Die wichtigsten sind der Schutz der Haut vor äußeren Einflüssen und die sensorische Wahrnehmung der Außenwelt. Zusätzlich spielt das Fell bei der Regulierung der Körpertemperatur eine zentrale Rolle. Zu diesem Zweck befinden sich in der Haut neben den Haarfollikeln, aus denen die Haare gebildet werden, eine hohe Dichte von Schweißdrüsen und sensorischen Nervenzellen. Abgesehen von Dichte und Struktur des Haares, kann das Pferd durch das Aufstellen der Haare auch den Grad an Isolation variieren: kleine Muskeln an den Haarfollikeln verändern die Position des Haares und erzeugen so durch das Aufstellen der Haare eine Art Luftpolster (Piloerektion). Diese Isolation ist so effektiv, dass Schnee und Eis auf den Kruppen der Pferde liegen bleiben und nicht schmelzen.

Durch sein Fell wird das Pferd vor äußeren Einflüssen geschützt.Durch sein Fell wird das Pferd vor äußeren Einflüssen geschützt. (© mjgoetheer - Pixabay)

Eine konstante Körpertemperatur ist lebenswichtig

Die Kernkörpertemperatur des Pferdes beträgt im Durchschnitt 38,0 Celsius, wobei Fohlen, wachsende Pferde und laktierende Stuten eine höhere Temperatur aufweisen. Eine konstante Körpertemperatur ist für den Körper essentiell, da biologische Prozesse stark abhängig von der Umgebungstemperatur sind. Der Körper eines gesunden Pferdes generiert kontinuierlich Wärme als Nebenprodukt von Stoffwechselprozessen. Das Pferd ist somit in der Lage, über sehr effiziente anatomische, physiologische und durch Verhalten ausgelöste Mechanismen die Temperatur seines Körpers zu regulieren..

Langes, dichtes Fell ist also nicht die einzige Möglichkeit des Pferdes, seine Körpertemperatur auszugleichen. Generell können Pferde allerdings deutlich besser ihre Körpertemperatur steigern als reduzieren. Häufig sieht man Pferde, die auch bei mäßigen Temperaturen bereits eingedeckt sind. Da die Senkung der Körpertemperatur aber nur über wenige Mechanismen gesteuert wird (Schwitzen, Atemfrequenz), kann es auf diesem Wege zu einer unerwünschten Erhöhung der Körpertemperatur kommen. Decken schränken dazu noch die Regulation über das Schwitzen ein, was diesen Effekt zusätzlich verstärkt.

Pferd ist nicht gleich Mensch

Die Wohlfühltemperatur des Pferdes unterscheidet sich deutlich von der des Menschen. Pferde haben eine höhere Temperaturtoleranz als Menschen. Es fühlt sich - in Abhängigkeit von seinem Fell - am wohlsten bei Temperaturen zwischen -8 und +15 Grad Celsius. Bei normal entwickeltem Winterfell fängt es in der Regel erst bei einer kritischen Temperatur unter – 15 Grad Celsius an die Thermoregulation mit einem erhöhten Stoffwechsel zu unterstützen. Junge (bis einjährig) und alte Pferde beginnen schon bei weniger tiefen Temperaturen um 0 Grad Celsius mit einem erhöhten Stoffwechsel zur Thermoregulation.

Auch für schlechtes Wetter ist das Pferd gut gewappnet, denn die Fellstruktur und die Talgbeschichtung der Haare bieten dem Pferd bei Regenwetter einen guten Schutz. Das Wasser läuft an den äußeren Haaren herab, so dass die innere Fellschicht trocken bleibt (s. Abb. 2). Esel haben diese Fellstruktur nicht, und sind darum wesentlich empfindlicher in Bezug auf Temperatur und Feuchtigkeit.

Die Anordnung des imprägnierten Fells sorgt dafür, dass Regen an Fell nicht in die tiefe Fellschicht gelangt. Das imprägnierte Fell sorgt dafür, dass Regen an Fell nicht in die tiefe Fellschicht gelangt. (© LRuss - Pixabay)

Auch bei kaltem Wetter nutzen Pferde die Schweißdrüsen, um bei erhöhter Körperkerntemperatur (z.B. nach der Arbeit) einen kühlenden Effekt zu erreichen. Die Haare werden zu diesem Zweck in unterschiedliche Richtungen gedreht. Zudem stellen sich die Pferde gern an Orte mit hoher Luftbewegung, um einen möglichst schnellen und effizienten Kühlungs- und Trocknungseffekt zu erreichen. Auch eine erhöhte Atemfrequenz trägt zur Kühlung bei, da vermehrt Wärme mit der in der Atemluft enthaltenen erwärmten Feuchtigkeit abgeatmet wird. Sind Pferde gestresst und weisen aus diesem Grund eine hohe Atemfrequenz auf, kann dies zu einem unerwünschten Wärmeverlust führen.

Pferde mit einer ausgeprägten Schicht an Unterhautfett (einem hohen BCS) bilden nicht selten kürzeres Fell aus, da die Isolation durch die Fettschicht sehr effektiv ist. Kleinere Pferde und rundliche Körperformen sind in Bezug auf den Energieverlust über die Körperoberfläche im Vergleich zu größeren Pferden generell im Vorteil (Allometrie), da sie aufgrund er Proportionen weniger Oberfläche besitzen. Ältere oder kranke Pferde, die keine ausreichende Fettschicht aufbauen können, bilden zur Kompensation häufig auffallend langes Fell aus.

Bei niedrigen Temperaturen (unter – 8 Grad C) und einem damit verbundenen erhöhten Grundumsatz (basale Stoffwechselrate), benötigt das Pferd mehr Energie. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, ist jedoch Heu und nicht Kraftfutter das Futter der Wahl, um die Thermoregulation des Pferdes zu unterstützen.

Decke, ja oder nein?

Weitere Faktoren, welche die Wohlfühltemperatur beeinflussen, sind Rasse, Schur, Gesundheits-, Ernährungs- und Trainings-Zustand, die Möglichkeit zur Bewegung, sowie die Frage, ob auf der Weide ein Unterstand zur Verfügung steht oder nicht. In den meisten Studien wird davon ausgegangen, dass Pferde bei Temperaturen über -15 Grad Celsius nicht eingedeckt werden müssen. Bei einem Body Conditioning Score (BCS) von unter 3 und bei vollständig geschorenen Pferden wird dagegen zum Eindecken geraten.

Mithilfe einer Body Condition Score Tabelle kann entschieden werden, ob das Pferd eingedeckt werden sollte. (© Stefanie Freund - ATN)

Als Faustregel wird davon abgeraten, Pferde vor dem 22. Dezember (Wintersonnenwende) einzudecken. Bis zu diesem Zeitpunkt entwickelt das Pferd Winterfell. Werden Pferde vor diesem Zeitpunkt eindeckt, wird sich die Ausbildung des natürlichen Winterfells verringern. Es sollte zudem darauf geachtet werden, dass die Pferde nach der Sonnenwende auch einige Zeit am Tag ohne Decke am Tageslicht verbringen, da dies Einfluss auf die Vitamin D Produktion des Körpers hat. Zudem muss täglich kontrolliert werden, ob es unter der Decke zu Scheuer- oder Druckstellen gekommen ist. Weiterhin ist darauf zu achten, dass bei Temperaturschwankungen die Decke rechtzeitig abgenommen wird, da ansonsten schnell hohe Temperaturen unter den (auch nicht gefütterten) Decken entstehen können.

Thermoregulation muss trainiert werden

Sowohl die Muskeln, die für die Piloerektion notwendig sind, als auch die Schweißdrüsen, die Anlage von Unterhautfett und die Konstriktion von Blutgefäßen sind Vorgänge, die eines Stimulus, der Vorbereitung und des Trainings bedürfen. Fehlen diese, wie beispielsweise in einem warmen Stall, haben Pferde bei einer plötzlichen Kälte-Exposition nur eingeschränkte Möglichkeiten zur Thermoregulation. Als Folge kann Unterkühlung auftreten. Metabolische Vorgänge können gestört werden, was unter anderem einen Einfluss auf die Immunkompetenz des Pferdes haben kann.

Ein weiteres Problem ergibt sich beim Eindecken von nassen Pferden. Durch eine erhöhte Sättigung der Umgebungsluft, sind der Kühlungs- und der Trocknungsvorgang verzögert, wodurch es zur Unterkühlung des Pferdes und ebenfalls zu Störungen der metabolischen Prozesse kommen kann.

Fazit:

Pferde haben von Natur aus eine breite Toleranzspanne in Bezug auf ihre Wohlfühltemperatur und viele Möglichkeiten zur Thermoregulation. Generell fühlen sich Pferde bei deutlich geringeren Temperaturen wohl als Menschen. Eine universelle Antwort auf die Frage nach dem Eindecken gibt es nicht. In den meisten Fällen wäre es jedoch sinnvoller, die Haltungsbedingungen (Fütterung, Bewegungsmöglichkeiten, Unterstände etc.) zu optimieren, um dem Pferd auf diesem Wege eine selbständige und optimale Thermoregulation zu ermöglichen, statt eine Decke einzusetzen.

Referenzen:

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Berger, A. et al (1999): Diurnal and ultradian rhythms of behaviour in a mare group of Przewalski horse (Equus ferus przewalskii), measured through one year under semi-reserve conditions. Applied Animal Behaviour Science, 64, 1–7. Press.
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Dr. med. vet. Doris Börner

Frau Dr. med. vet. Börner hat sich in ihrer eigenen tierärztlichen Praxis IUVET vor allem auf die Behandlung von chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates und der neurologischen Rehabilitation nach Traumata bei Kleintieren und Pferden spezialisiert. Sie hat Abschlüsse in Tierchiropraktik (Certified Veterinary Chiropractor (IVCA)) und Tierakupunktur (Certified Veterinary Acupuncturist (Chi Institute Europe/IVAS)) und jahrzehntelange praktische Erfahrungen u.a. in den Bereichen Neurologie, Bewegungsapparat und Schmerztherapie.

Durch ihr Wissen und ihre Erfahrung aus klassischer Schulmedizin, Neurologie, Physiotherapie, Chiropraktik, Faszientechniken und Akupunktur und die Verbindung dieser Disziplinen behandelt sie insbesondere Bewegungsstörungen des Tieres mit einem integrativen Ansatz.

Dr. Börner ist bereits seit vielen Jahren Autorin für Fachbeiträge in Wissenschaftsjournalen, Fachzeitschriften und Tiermagazinen.

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