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Klimaanpasssung bei Hunden

Klimaanpasssung bei Hunden Patricia Lösche Klimaanpasssung bei Hunden

Viel zu selten spielt Anpassungsfähigkeit von Hunden an unterschiedliche Klimazonen eine Rolle bei der Anschaffung eines Hundes. Kaum ein Hundekäufer macht sich Gedanken darüber, ob die favorisierte Rasse oder der ins Auge gefasste Mischling das Klima am Wohnort verträgt. Huskys leiden in der Wüstenhitze arabischer Länder, Nackthunde frieren in der Kälte Kanadas und Neufundländer schwitzen in Australien, weil ihre Besitzer sich in die Rassen verliebt haben, ohne zu bedenken, dass sie an das Leben unter ganz anderen klimatischen Bedingungen angepasst sind.

Klimatoleranz hat enge Grenzen

Hunde sind, wie wir Menschen, gleichwarm (homoiotherm), das heißt, die Körpertemperatur wird unabhängig von der Umgebungstemperatur aufrechterhalten. So wird sichergestellt, dass Gehirn und innere Organe stets eine konstante Temperatur haben (beim Hund beträgt diese 35-38°C), ganz gleich, ob bei winterlichen Minusgraden, oder bei 30 Grad im Schatten. Eine Abweichung von der Normaltemperatur des Körpers wird nur geringfügig toleriert, weil die Organfunktionen bei Überhitzung oder Unterkühlung nicht mehr aufrechterhalten werden können.

Die durchschnittliche „thermoneutrale Zone“ der meisten Hunde liegt bei einer Umgebungstemperatur von etwa 20-30 Grad Celsius, (abweichend davon wird in der Literatur auch 15-20 Grad angegeben), wobei die Wohlfühl-Temperatur für viele Hunde eher im unteren als im oberen Bereich liegen dürfte. In der thermoneutralen Zone können die meisten Hunde ihre Körpertemperatur problemlos stabil halten.

Angepasst an kalte Temperaturen, leiden nordische Hunde in Hitzesommern Angepasst an kalte Temperaturen, leiden nordische Hunde in Hitzesommern (© monicore - Pixabay)

Regulation der Körpertemperatur

Oberhalb und unterhalb dieses Bereichs (kritische Zone) springen die körpereigenen Regulations-Mechanismen an. Die Normaltemperatur muss jetzt vom Körper mit zusätzlichem Aufwand stabil gehalten werden, der um so größer ist, je stärker die Umgebungstemperatur nach oben oder unten abweicht. Je nach Rasse, Größe, Alter und Fellbeschaffenheit verschiebt sich dieser Bereich nach oben oder unten. Beim Husky beginnt er beispielsweise erst bei Temperaturen unter null Grad, bei einigen kurzhaarigen Rassen jedoch schon bei Temperaturen unter 15 Grad.

Steuerung der Körpertemperatur beim Hund
Kälte- und Wärmerezeptoren informieren die Steuerungsmechanismen des vegetativen Nervensystems über die Umgebungstemperaturen. Beim Hund befinden sich Kälterezeptoren vor allem an der Hautoberfläche im Bereich von Nase, Maul und Beinen. Wärmerezeptoren hingegen im Bereich des Rückenmarks und im Gehirn (Hypothalamus). In einer bestimmten Struktur des Gehirns (Area praeoptica), werden die Signale dieser Rezeptoren verarbeitet und mit dem individuellen Sollwert verglichen. Kommt es zu Abweichungen, reagiert der Körper entsprechend mit Thermoregulation zur Aufrechterhaltung der Normaltemperatur.

Kampf gegen Unterkühlung

Um die Körpertemperatur aufrecht zu erhalten, wird bei absinkenden Temperaturen die Stoffwechselrate erhöht. Das erzeugt Wärme (Thermogenese). Man kann das mit einem Kamin vergleichen, bei dem wir Holz als Energieträger nachlegen, um mehr Wärme zu erzeugen. Die Wärmeproduktion kann jedoch nur um etwa das Fünffache des Ruhestoffwechsels gesteigert werden, darüber hinaus kann der Wärmeverlust nicht ausgeglichen werden und der Körper unterkühlt. Zusätzlich zur Thermogenese kommt es zu einer Vasokonstriktion (Verengung der Blutgefäße) in der Peripherie (Körperoberfläche, Beine, Ohren), um möglichst wenig Wärme an die Umgebung abzugeben. Das erklärt, warum es hier als erstes zu Erfrierungen kommt. Als letzte Bastion gegen die Kälte versucht der Körper, wie bei uns auch, Wärme durch Kältezittern zu erzeugen.

Anpassungsprobleme beim Bernhardiner. Er wurde für kühles Bergklima gezüchtet Anpassungsprobleme beim Bernhardiner. Er wurde für kühles Bergklima gezüchtet. (© Patricia Lösche)

Wenig Gegenwehr gegen Hitze

Bei Hitze fangen auch Hunde an zu schwitzen, aber sie haben nur wenige Schweißdrüsen, die sich vor allem an den Pfoten befinden. Sie dienen weniger der Abkühlung, als dem Setzen von Duftmarken. Das Absenken der Körpertemperatur durch Verdunstungskälte infolge von Schweißabgabe ist deshalb nur bedingt möglich. Es kommen andere Mechanismen zum Tragen:

  • Vasodilatation (Erweiterung der Blutgefäße), um möglichst viel Wärme über die Körperoberfläche an die Umgebung abzugeben. Hier helfen sogenannte „thermische Fenster“, also Bereiche am Körper, die nur dünn mit Fell bewachsen sind. Beim Hund befinden sich diese zwischen den Vorderbeinen, am Brustkorb, und in der Lendengegend.
  • Durch Hecheln geben Hunde Wärme an die Umgebung ab, erzeugen Verdunstungskälte und kühlen den Luftstrom, der eingeatmet wird.
  • Bei vielen Rassen erfolgt im Rahmen der saisonalen Anpassung ein Wechsel zwischen Sommer- und Winterfell.

Manchen Rassen wurden – meist aus optischen Gründen - Unmengen von Fell angezüchtet, sodass sie kaum Wärme über die Haut abgeben können. Andere Rassen wurden fast nackt gezüchtet, sodass sie immer auf schützende Kleidung angewiesen sind. Ursprünglich geschah das in Anpassung an die Klimazonen, in denen die Hunde lebten. Darum haben nordische Rassen ein besonders wärmeisolierendes Fell, Hunde aus heißen Gebieten ein eher dünnes Fell.

Heute sind diese Rassen ungeachtet ihrer „Standortansprüche“ weltweit in allen Klimazonen anzutreffen. So finden sich unter den Top 50 der beliebtesten Hunderassen in Deutschland der Neufundländer und der Tibet Terrier, beides Rassen, die ursprünglich aus sehr kalten Gebieten kommen. In den USA gehören ebenfalls der Neufundländer, der Siberian Husky und der Shiba Inu zu den 50 beliebtesten Hunderassen, nicht nur in den kalten Gebieten der vereinigten Staaten. Und in den Arabischen Emiraten und Dubai sind nordische Hunderassen derzeit sehr beliebt. Trotz 50 Grad Tagestemperatur.

Kurzköpfige (brachycephale) Rassen haben Mühe mit der Atmung und insbesondere mit dem Hecheln. Unabhängig vom Fell ist allein dadurch bereits die Anpassung an hohe Außentemperaturen erheblich erschwert.

Windhunde: Hitzetolerant und kälteempfindlich Windhunde: Hitzetolerant und kälteempfindlich (© Susiwusi - Pixabay)

Klimawechsel auf Reisen

Hunden auf Reisen wird oft mehr an Anpassung abverlangt, als sie tatsächlich leisten können, wenn das Klima am Zielort ihre thermoneutrale Zone erheblich über- oder unterschreitet. Wir können unsere Kleidung angemessen wählen, der Hund nicht. Ist es ihm nicht möglich, sich an die Witterungs- und Klimabedingungen anzupassen, ist das Wohlbefinden von Reisebegleiter Hund erheblich eingeschränkt und Gesundheitsschäden nicht ausgeschlossen. Vor allem sehr junge und sehr alte Hunde haben oft Probleme mit der Thermoregulation.

Für Hunde aus dem Auslandstierschutz ist der abrupte „Klimawandel“ - neben allen anderen Stressoren, die es zu verarbeiten gilt - eine zusätzliche physische Herausforderung. Sie stammen meist aus wärmeren Ländern und haben keine Zeit, sich dem neuen Klima anzupassen. Hunde, die vorher ausschließlich draußen lebten, finden sich plötzlich in geheizten Wohnungen wieder und kommen lediglich zu Spaziergängen nach draußen. Ihnen fehlt oft die für Straßenhunde gewohnte Möglichkeit, selbstständig wärmere oder schattigere Plätze aufzusuchen. Hinzu kommt ein völlig veränderter Tagesrhythmus, der bei ehemaligen Streunern und „Draußenhunden“ wesentlich bestimmt wird durch die Umgebungstemperatur (Dämmerungsaktivität, Tagesschläfrigkeit in heißem Klima). Dass Hunde sich im neuen Zuhause oft ganz anders verhalten als in ihrer Heimat, kann unter anderem auch darauf zurückzuführen sein.

Soll sich ein Hund bei uns wohlfühlen, sollten bei der Anschaffung auch die klimatischen Gegebenheiten des Wohnorts berücksichtigt und überlegt werden, ob ein Hund mit weniger dichtem Fell vielleicht besser mit den kommenden Hitzesommern zurechtkommt. Bei der Auswahl des Reiseziels sollte Reisebegleiter Hund ein Wörtchen mitreden dürfen. Während Frauchen und Herrchen am liebsten in südlicher Sonne urlauben, ist ihr Eurasier im gewohnten Nord-Klima am Ende besser aufgehoben.

Quellenauswahl:

Miriam Paulisch

Dr. Miriam Paulisch ist Neurobiologin und Tierpsychologin für Hund und Pferd (ATN). Sie interessiert sich besonders für die neurobiologischen Hintergründe tierischen Verhaltens. Seit 2017 ist sie als Autorin für diverse ATN-Lehrskripten tätig und betreut als Tutorin Schülerinnen und Schüler verschiedener Lehrgänge der ATN und ATM. Ihr Ziel ist es, komplexe biologische Themen verständlich zu vermitteln und ein Augenmerk darauf zu legen, welche Rolle die biologischen Voraussetzungen eines Tieres für die Behandlung oder das Training spielen. Miriam Paulisch lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in der Schweiz.

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