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Medizinischer Honig in der Wundversorgung

Manuka-Honig in der Wundversorgung © srekap / Dollar Photo Club Manuka-Honig in der Wundversorgung

Medizinischer Honig

Honig ist nicht gleich Honig. Der eine gehört auf das knackige Frühstücksbrötchen, der andere hilft Wunden zu desinfizieren und zu heilen. Die Inhaltsstoffe von Kandidat Nummer eins tun Leib und Seele gut, wenn sie durch den Magen gehen. Im Honig enthaltene Keime werden im Laufe der Verdauung unschädlich gemacht. Auf Wunden aber hat er nichts zu suchen. Der zweite ist ein Medizinprodukt, durch verschiedene Verfahren keimfrei gemacht. Er wird als Heilmittel selbst mit schwer heilenden Wunden fertig und ist eine echte Alternative zur Behandlung mit herkömmlichen Mitteln.

Bakterien entwickeln zunehmend Resistenzen gegen Antibiotika. Immer häufiger gibt es Komplikationen in der Wundheilung, verursacht durch Infektion mit resistenten Bakterien, sogenannten MRSA –Keimen, die auf die Behandlung mit herkömmlichen Antibiotika nicht mehr ansprechen. Auf der Suche nach Alternativen stehen auch alte Hausmittel wieder auf dem Prüfstand. Vor diesem Hintergrund wurden inzwischen zahlreiche Studien über den Einsatz von Medizinal-Honig bei der Wundversorgung veröffentlicht. Sie kommen zu einem ziemlich einheitlichen Ergebnis: Verglichen mit konventioneller Wundbehandlung heilen selbst seit langem bestehende, chronische Wunden unter der Behandlung mit Honig schneller und unproblematischer. Auch solche, die mit resistenten Keimen infiziert sind und deren Behandlung eine enorme Herausforderung ist.

Honig ist ein altes Heilmittel

Honig ist als Heilmittel lange bekannt. Die erste systematische Studie über dessen antibakterielle Wirkung erschien bereits 1882. Eingesetzt haben ihn aber schon ägyptische Pharaonen, die Ärzte im antiken Griechenland und im alten China. Hippokrates und Paracelsus, die großen Mediziner, verwendeten Honig in vielen Rezepturen. Zunächst machte man allein die hohe Zuckerkonzentration für keimtötende Eigenschaften des Honigs verantwortlich. Es wurde vermutet, dass dadurch den Bakterien die Feuchtigkeit entzogen würde. Die negativen Ergebnisse von Versuchen mit einer entsprechend hohen Zuckerlösung (Honig enthält ca. 80 Prozent Zucker, und 20 Prozent Wasser) zeigten, dass die antibakterielle Wirkung des Honigs nicht hierauf zurückzuführen ist.

Es sind andere Eigenschaften, die verantwortlich sind für die bakterizide Wirkung des Honigs. Die Produktion von Wasserstoffperoxid gilt als eine von ihnen. Bienen versetzen ihren Honig mit dem Enzym Glucose-Oxidase. Es sorgt dafür, dass im Honig enthaltener Zucker in Wasserstoffperoxid umgewandelt wird, grundsätzlich ein hochwirksames Antiseptikum. In antibakteriell wirksamer Apothekenform eingesetzt ist es allerdings zelltoxisch, weil größere Mengen davon nötig sind. Es tötet also nicht nur Bakterien, sondern auch das Gewebe, in dem sie sich eingenistet haben.

Gute Wirkung gegen multiresistente Keime

Wird es dagegen in kleinen Mengen angewandt, überleben die Gewebezellen. Leider auch die Bakterien. Die Glucose-Oxidase im Honig arbeitet langsam, aber – und das scheint der wesentliche Punkt zu sein – sie produziert dabei kontinuierlich geringe Mengen Wasserstoffperoxid. Durch diese permanente Einwirkung reicht die produzierte Kleinmenge zwar für eine Abtötung der Bakterien, nicht aber für eine Schädigung von Gewebezellen.

An der Universität Dresden wurde der Gehalt an Methylglyoxal (MGO) als weiterer wesentlicher Grund für die antibakterielle Wirkung insbesondere des Manuka-Honigs identifiziert. Von MGO soll eine gewisse Schmerzwirkung ausgehen, weshalb manche die Anwendung von Manuka-Honig mit hohem MGO-Gehalt bei akutem Wundgeschehen zwar befürworten, sie bei chronischen Wunden dagegen für nicht für empfehlenswert halten. Zu einem anderen Ergebnis kam man an der Universitäts-Kinderklinik in Bonn, die Pionierarbeit leistete bei der Wundversorgung mit medizinischem Honig. Dort wird er nicht nur bei kritischen Wunden an Krebsspatienten mit großem Erfolg eingesetzt. Selbst langjährig bestehende, chronische und mit MRSA-Keimen infizierte Wunden heilten unter der Behandlung mit Honig innerhalb weniger Wochen ab.

Mit dieser Eigenschaft ist Medizinalhonig der herkömmlichen Antibiose insbesondere bei schlecht heilenden, mit resistenten Keimen infizierten Wunden um Nasenlängen voraus. Mit dem entscheidenden Vorteil, dass unter der Behandlung mit Honigpräparaten eine Resistenzbildung bei Keimen bislang nicht beobachtet wird. Inzwischen nutzen auch andere Kliniken medizinischen Honig zur Wundversorgung.

Jellybush und Manuka

Rund 60 Bakterienarten werden durch Honig abgetötet, auch so hartnäckige und gefährliche wie Staphylococcus aureus. Zwei Honigsorten überragen dabei in ihrer medizinischen Wirksamkeit alle anderen um ein Vielfaches: der aus dem Nektar des neuseeländischen Manukabaumes (Leptospermum scoparium; Südseemyrthe) gewonnene Manuka-Honig und der australische Jellybush-Honig, den Bienen aus dem Nektar des Jellybush (Leptospermum polygalifolium) produzieren. Doch der süße Nektar, gedacht als Futter für den Bienen-Nachwuchs, tötet nicht nur Bakterien, sondern übt auf das darunterliegende Gewebe einen osmotischen Zug aus.

Verantwortlich für diese physikalische Eigenschaft ist der schon erwähnte enorm hohe Zuckergehalt des Honigs. Er entzieht dem geschädigten Gewebe Lymphe und Blutplasma, was einen tiefenreinigenden Effekt in der Wunde selbst bewirkt und zugleich ödematöse Schwellungen reduziert. Dabei erschwert die nach außen abfließende Flüssigkeit Keimen auch mechanisch das weitere Einddringen in tiefere Hautschichten. Zusätzlich ermöglicht der Flüssigkeitsentzug aus der Wunde ein besseres Abstoßen von totem Gewebe. Die Wunde trocknet nicht aus, wodurch Verklebungen mit Verbandsmaterialien vermieden werden, was einen schmerzlosen Verbandswechsel ohne zusätzliche Traumatisierung der Wunde möglich macht. Ein großer Vorteil bei großflächigen Verletzungen, die sich zudem besonders gern infizieren.

Während der hohe Zuckergehalt die Wunde sauber und feucht hält, bewirken weitere Inhaltsstoffe durch Hemmung von Entzündungsreaktionen Schmerzminderung und ein Abschwellen des Wundareals. Die Blutversorgung im Wundgebiet wird angeregt und dadurch die Sauerstoffversorgung im Bereich der Wunde verbessert, der Abtransport von Schlackstoffen und die Heilung werden forciert.

Mit Honig die Wundheilung beschleunigen?

Studien im Veterinärbereich gibt es kaum und die Verwendung von Salben und Wundauflagen mit medizinischem Honig ist in der Tiermedizin noch wenig verbreitet. Aber Tiere müssen oft zuhause oder im Stall unter nicht sterilen Bedingungen behandelt werden. Damit steigt das Infektionsrisiko. Und wie in der Humanmedizin sorgen multiresistente Keime zunehmend für Komplikationen. Hinzu kommt, dass eine langfristige Ruhigstellung meist schwierig, bei einigen Haltungsbedingungen unmöglich ist, was die Wundheilung zusätzlich erschweren kann.  Kürzere Ruhigstellungszeiten reduzieren auch das Risiko von Sekundärproblemen als Folge verletzungsbedingter Immobilisierung, die vor allem bei großen Wunden oft nicht zu vermeiden ist Eine signifikante Beschleunigung der Heilung, wie sie unter der Behandlung mit Medizinalhonig beobachtet wird, ist bei Tieren darum von erheblichem Vorteil. Dass der schmerzfreie Verbandswechsel außerdem die Kooperation der Tiere bei der Wundversorgung erhöht und eine sonst eventuell nötige Sedierung überflüssig macht, ist ein weiterer willkommener Pluspunkt.

Für die Behandlung von Wunden dürfen allerdings ausschließlich medizinische Produkte verwendet werden. Normaler Speisehonig hat in der Wundbehandlung nichts verloren. Das gilt auch für Jellybush- oder Manuka-Speisehonig. Im Gegensatz zu medizinischem Honig ist er nicht sterilisiert und kann Keime enthalten, die Wundkomplikationen verursachen können.

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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