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OPC: Wunderwaffe Radikalfänger – auch für Hunde?

OPC-Quelle rote Trauben: Ist Weintrauben-Unverträglichkeit bei Hunden und Katzen eine OPC Kontraindikation? OPC-Quelle rote Trauben: Ist Weintrauben-Unverträglichkeit bei Hunden und Katzen eine OPC Kontraindikation?

OPC gelten seit ihrer Entdeckung als Wunderwaffe vor allem zur Prävention schwerer Erkrankungen wie Krebs oder Arteriosklerose. Als Nahrungsergänzung werden sie auch für Hunden angeboten. Aber vertragen Hunde OPC? Sind sie bei ihnen bedenkenlos einzusetzen?

OPC werden seit ihrer Entdeckung vor einem guten halben Jahrhundert als Wunderwaffe gegen freie Saustoffradikale (ROS für reactive oxygen sepecies), auch freie Radikale genannt, im Körper gehandelt. ROS können Gewebe auf Zellebene schädigen. Das begünstigt die Entstehung so schwerwiegender Erkrankungen wie Krebs, Demenz, Lungenemphysem, Arteriosklerose, praktisch jede degenerative Erkrankung. Krankheiten, die nicht nur den Menschen, sondern auch unsere Haustiere zunehmend betreffen. Da liegt es nahe, auch sie mit OPC zu versorgen, insbesondere Hunde. Seit vor einigen Jahren bekannt wurde, dass ROS nicht nur schädigen, sondern auch nützen, scheint die Verhinderung der ROS-Bildung nicht mehr uneingeschränkt sinnvoll. Insbesondere für Hunde könnten sie möglicherweise sogar gefährlich sein.

OPC, das steht für Oligomere Proanthocyanidine - ein ziemlich sperriger Name, bei dem man am liebsten gleich wieder aussteigen möchte. Das wäre schade, denn OPC sind die biochemische Kampfansage vieler Pflanzen gegen die schädigende Wirkung von UV-Strahlung, gegen Fressfeinde und Krankheiten. Dass Vitamin A, C oder E gesund und lebenswichtig sind, ist Allgemeinbildung. Sie helfen, im Körper anfallende und potentiell schädliche Stoffwechselendprodukte, die sogenannten freien Radikalen, unschädlich zu machen und werden deshalb als Radikalfänger oder Antioxidantien bezeichnet. OPC übertreffen ihre Wirkung um ein Vielfaches: Früchte, Gemüse, Nüsse, Samen, Blüten, Blätter und Baumrinde, besonders rote Trauben, Cranberries, Blätter von Birke, Heidelbeere, Gingko und Weißdorn sind reich an OPC.

OPC – je mehr, desto besser?

ROS-Moleküle entstehen durch unkontrollierte chemische Reaktionen immer dann, wenn Gewebe geschädigt wird, entweder durch physiologische Prozesse wie Zellstoffwechsel und Entzündungen, aber vermehrt auch durch thermische Schäden (z.B. Sonnenbrand, Erfrierungen), Strahlungsschäden (UV- und Röntgenstrahlen beispielsweise) oder chemische Schadstoffe (Tabakrauch und Umweltgifte gehören dazu). Die Natur hat gegen die schädigende Wirkung der ROS eine ganze Armada von Stoffen entwickelt, besagte Antioxidantien. Neben den genannten Vitaminen A, C,E gehören dazu auch Enzyme wie Q-10 oder Spurenelemente (Selen). Sie alle machen diesen Stoffwechsel-Müll soweit es geht unschädlich.

Pflanzen wehren sich gegen biologische und physikalische Bedrohungen mit chemischen Keulen aus eigener Produktion und haben mit OPC einen besonders effektiven Schutz von Gewebe und Ölen vor Oxydation entwickelt. Im tierischen Organismus entfalten OPC eine sehr große therapeutische Bandbreite. Sie

  • schützen Blutgefäße und Zellmembranen
  • wirken gefäßerweiternd
  • verringern die Thromboseneigung
  • verbessern die periphere Durchblutung
  • wirken regulierend auf Enzyme (Cyclooxygenase, Lipoxygenase, Phospolipase A2), die am Schmerzgeschehen beteiligt sind und an der Entstehung bestimmter Herzerkrankungen
  • wirken der Entstehung von Krebs entgegen
  • wirken antioxiativ
  • wirken antiviral, antibakteriell, antiallergisch und entzündungshemmend
  • hemmen die Aktivität von Gewebe schädigenden Enzymen (Hyaluronidase, Elastase, Collagenase)

Das prädestiniert OPC für die begleitende (adjuvante) Behandlung von Herzerkrankungen, Bluthochdruck, Gelenkserkrankungen, Thromboseneigung, Schmerzen, Entzündungen, Allergien, Immunschwäche, Krebserkrankungen. Sie haben außerdem eine sehr hohe Bioverfügbarkeit, d.h. der Körper kann sie sehr gut verwerten.

Wundermittel OPC?

OPC - das Allheilmittel schlechthin für den Menschen und seine Haustiere? Wie bei so vielen Wunderwaffen gegen pathologische Prozesse gibt es auch bei den Antioxidantien ein Aber. In einer 1994 veröffentlichten Studie stieg die Sterblichkeit bei einer begleitenden Behandlung von Patienten mit Lungenkrebs mit hochdosierten Antioxidantien (in diesem Fall waren es die Vitamine E und A) völlig unerwartet an, was 2008 noch einmal bestätigt wurde. Seit ein Team um Dr. Tobias Madl 2013 die physiologisch wichtige Funktion freier Sauerstoffradikale aufdeckte, wird deutlich, warum: Freie Radikale schädigen zwar Gewebe, aber sie werden auch dafür benötigt, in ihrem Erbgut beschädigte und für eine Entartung prädestinierte Zellen zu beseitigen, Zellschrott aus oxidierten Fetten und Eiweißen zu entfernen, und sie sind außerdem an der Steuerung von Zell- und Wachstumsprozessen beteiligt.

Wer also ungezügelt auf die freien Radikalen als vermeintlich ausschließlich böse Bösewichte eindrischt, besonders wirksam mit OPC, verursacht damit möglicherweise neue Probleme. Und während man früher von einer schädigenden Wirkung auf Mitochondrien ausging – Mitochondrien sind kleine Organellen im Zellinneren, die die Energie liefern für alle Stoffwechselvorgänge der Zelle - ist heute bekannt, dass ROS wichtig sind für die Regulation von Vermehrung und Funktion der Mitochondrien.

Der Körper braucht also ROS für

  • die Beseitigung erbgutgeschädigter Zellen
  • die Beseitigung von Zellschrott aus dem Fett- und Eiweißstoffwechsel
  • für die Regulation von Vermehrung und Funktion der Mitochondrien.

Anwendung von OPC bei Hunden

In der Hundeernährung kommt ein weiteres Aber hinzu: die Weintrauben-Unverträglichkeit, die vereinzelt auch schon bei Katzen beobachtet wurde. Zwar reagieren längst nicht alle Hunde nach Genuss von Trauben mit den typischen Symptomen wie Erbrechen, Durchfall, Apathie, Kolik, Austrocknung, vermindertem oder fehlendem Harnabsatz oder gar tödlichem Nierenversagen. Aber bei denen, die Symptome zeigen, liegt die angegebene Sterblichkeitsrate bei bis zu 50 Prozent, während andere Hunde Mengen davon fressen können und dabei munter und vergnügt bleiben.

Was die Symptome bei vielen Hunden auslöst, ist bislang ungeklärt. Im Verdacht stehen aber unter anderem auch die in den Weintrauben enthaltenen Tannine genauer: eine Tannin-Intoleranz bei betroffenen Hunden. Tannine sind in Pflanzen enthaltene Bitterstoffe. Und zu ihnen gehören auch die OPC. Darum ist der Einsatz von OPC , das seit den 1970er Jahren aus Traubenkernen gewonnen wird, in der Hundeernährung eine Risikoabwägung, so verlockend, wie sich ihre therapeutischen Einsatzmöglichkeiten auch lesen. Manch einer schwört darauf, es wird sogar als Nahrungsergänzungsmittel für Hunde angeboten und therapeutisch erfolgreich verordnet, aber jeder sollte sich bewusst sein, dass die so gut gemeinte Anwendung der OPC bei Hunden unter Umständen negative Wirkungen haben könnte. Aussagekräftige Untersuchungen zur bedenkenlosen Anwendung von OPC bei Hunden oder gar Katzen gibt es nicht. Zwar gab es einige Arbeiten dazu, aber die Zahl der Tiere war zu gering für eine zuverlässige Risikoeinschätzung.

Quellen:

The Effect of Vitamin E and Beta Carotene on the Incidence of Lung Cancer and Other Cancers in Male Smokers The Alpha-Tocopherol Beta Carotene Cancer Prevention Study Group, April 14, 1994 N Engl J Med 1994; 330:1029-1035 , DOI: 10.1056/NEJM199404143301501

Oligomeric Proanthocyanidin Complexes: History, Structure, and Phytopharmaceutical applications, Anne Marie Fine, Altern. Med. Rev. 2000; 5(2): 144-151)

Acute Renal Failure in Dogs After the Ingestion of Grapes or Raisins: A Retrospective Evaluation of 43 Dogs (1992–2002); Paul A. Eubig, Melinda S. Brady, Sharon M. Gwaltney‐Brant, Safdar A. Khan, Elisa M. Mazzaferro, Carla M.K. Morrow (Journal_of_Veterinary_Internal_Medicine, 05 February 2008 https://doi.org/10.1111/j.1939-1676.2005.tb02744.x)

Redox-Dependent Control of FOXO/DAF-16 by Transportin-1 Tobis Madl et al.; Molecular Cell, doi: 10.1016/j.molcel.2012.12.014; 2013

Effects of oral AVP receptor antagonists OPC-21268 and OPC-31260 on congestive heart failure in conscious dogs M. Naitoh, H. Suzuki,M. Murakami,A. Matsumoto,K. Arakawa, A. Ichihara 01 DEC 1994 https://doi.org/10.1152/ajpheart.1994.267.6.H2245

 

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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