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Psychosomatik: Wenn die Katzen-Seele krank macht

Tierpsychosomatik: Wenn die Katzen-Seele krank macht Patricia Lösche Tierpsychosomatik: Wenn die Katzen-Seele krank macht

Dass auch Tiere psychosomatische Erkrankungen entwickeln können, ist längst nicht überall bekannt. Katzen kommen vor allem bei reiner Wohnungshaltung schnell an die Grenze ihrer psychischen Belastbarkeit. Dann kann seelisches Leid in körperliche Leiden umschlagen, die sich häufig jeder Behandlung widersetzen oder immer wieder zurückkehren. Einige Erkrankungen scheinen für eine psychische Komponente prädestiniert.

Psychosomatische Krankheiten sind ein Hilferuf der Seele

Katzen werden aus den verschiedensten Gründen zunehmend ohne Freigang gehalten. Im Gegensatz zum Hund, der durch Zucht seit langem auf den Menschen und sein Umfeld geprägt wurde, langweilt das Leben hinter verschlossenen Türen viele Hauskatzen. Können sie dort ihren Erkundungs-, Jagd- und Spieltrieb nicht ausreichend beschäftigen, kann der Leidensdruck so groß sein, dass sie darüber krank werden, sowohl psychisch, als auch physisch. In dieser Reihenfolge.

Seelisch bedingten körperlichen, d.h. psychosomatischen Erkrankungen gehen oft schleichende Verhaltensveränderungen voraus, die lange unbemerkt bleiben. Denn Katzen leiden meist diskret: schlafen viel, spielen selten, schmusen weniger. Und täuschen so ihre Halter über ihr wahres Befinden. Andere maunzen häufiger, sind appetitlos und mäkelig bei der Fütterung, magern ab. Selten werden sie dicker. In besonders schlimmen Fällen werden sie sogar aggressiv oder entwickeln Zwangsstörungen wie Putz- und Leckzwang, weil ihre Anpassungsfähigkeit an eine reine Indoor-Haltung überfordert ist. Obwohl sie oft sehr ruhig wirken, stehen sie unter starkem Stress, weil sie ihrer Situation nicht eigeninitiativ entkommen können.

Tierpsychosomatik: Verhaltensveränderungen wie Rückzug sind oft erste Symptome (Foto: Lösche)

Wer seine Katze genau kennt und beobachtet, bemerkt eventuelle Verhaltensveränderungen. Frühzeitiges Eingreifen durch einen geschulten Verhaltenstherapeuten und eventuelle medizinische Untersuchungen durch einen qualifiziert ausgebildeten Therapeuten oder Tierarzt können der Entwicklung körperlicher Symptome vorbeugen.

Chronische Stressreaktionen des Körpers triggern

Neben Haltungsbedingungen und falschem Handling können auch schwere Traumata oder langfristig belastende Erlebnisse der Ausgangspunkt für psychische Veränderungen sein. Sie sind das Sprungbrett zur Entwicklung körperlicher Symptome, weil anhaltende psychische Belastung den Körper zunehmend auch physisch belasten. Der Stoffwechsel verändert sich. Die Nebennierenrinde schüttet permanent zuviel Cortisol aus. Dieses Stresshormon und die negative emotionale Stimmungslage können die Katze schließlich krank machen.

Psychosomatische Krankheiten sind der Schlusspunkt dessen, was auch als Kontrollverlustsystem bezeichnet wird. Kontrollverlust - der Verlust von Selbstbestimmtheit und das Gefühl von Ausweglosigkeit - ist demnach einer der wichtigsten Faktoren für ihre Entstehung. Hinzu kommen Erlebnisse wie Mobbing durch Mitkatzen, falscher Umgang oder ein schlechtes Verhältnis zum Halter. Da wundert es nicht, dass Freigänger-Katzen kaum einmal psychosomatische Symptome entwickeln. Was von der Katze als Kontrollverlust und Belastung empfunden wird, ist allerdings sehr individuell.

Tierpsychosomatik: Krankheiten bei Freigänger-Katzen sind seltener psychisch bedingt (Foto: Lösche)

Ursächlich psychisch motivierte Erkrankungen können schwerwiegende und dauerhafte gesundheitliche Beeinträchtigungen nach sich ziehen: Lebensbedrohliche Leber- und Nierenpathologien, Infektanfälligkeit durch Immunschwäche, Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, Diabetes, Hauterkrankungen, Tumore, Karzinome können vor diesem Hintergrund entstehen. Nachfolgend einige der häufigsten Erkrankungen, bei denen ein psychosomatischer Hintergrund gegeben sein kann, wie aus einem Bericht des Journal of Feline Medicine and Surgery von 2015 hervorgeht.

Atemwegsinfekte durch Felines Herpes Virus (FHV)/Felines Calicivirus (FCV)

Im Vergleich zu wenig gestressten Katzen führt der hohe Cortisolspiegel bei anhaltender Stressbelastung zu einem 5,6-fach erhöhten Risiko für die Entwicklung von Erkrankungen der oberen Atemwege. Das ergab eine Studie an 60 Katzen, die in ein Tierheim gebracht wurden. Aufgrund der Cortisol-bedingten Immunschwäche kann es zu einer herabgesetzten Widerstandsfähigkeit gegenüber Viren und bakteriellen Erregern kommen oder aber zur Reaktivierung ausgeheilt geglaubter Erkrankungen. FHV ist bei Katzen neben dem Felinen Calicivirus (FCV) der Hauptauslöser für schwere Atemwegsinfektionen.

Durchfall und Erbrechen, Entzündungen im Magen-Darm-Trakt

Anhaltender Durchfall und Erbrechen sind häufig eine Folge hoher Stressbelastung. Wird der Flüssigkeitsverlust bei anhaltendem Durchfall nicht ausgeglichen, kann die Katze lebensbedrohlich dehydrieren. Ferner kann es durch die schlechtere Verwertung der Nahrung zu Mangelsymptomen kommen. Angsterleben und Furcht steigern die Produktion von Magensäure. Die Magenwände können geschädigt werden, Magenschleimhautentzündung und Magengeschwüre können die Folge sein.

Tierpsychosomatik: Verhaltensveränderungen der Katze sollten immer hinterfragt werden. (Foto: Lösche)

Feline idiopatische Cystitis (FIC)

FIC gehört zu den bei Katzen sehr häufigen Erkrankungen der unteren Harnwege (Harnleiter und Blase). Idiopathisch weist darauf hin, dass es sich nicht um eine bakterielle Ursache handelt. Es kommt zu Harnabsatzstörungen, Blut im Urin, Schmerzen beim Urinieren und zu Harnabsatz vor der Katzentoilette. Die Entstehung der idiopathischen Cystitis der Katze ist ungeklärt. Aber die durch den Stressstoffwechsel geschädigte Innenauskleidung von Blase und Harnleitern wird als Hauptursache diskutiert. Abgeklärt werden muss, ob andere Ursachen, z.B. Blasensteine auslösend sind.

Bei allen Erkrankungen ist immer abzuklären, ob rein physische Ursachen für gezeigten Symptome verantwortlich sind.

Atopische Dermatitis

Es besteht eine Verbindung zwischen Nervensystem, auftretendem Juckreiz und Stressgeschehen. Das kann nervös bedingten Juckreiz hervorrufen oder verstärken und aufrecht erhalten. Es gibt zudem eine nachgewiesene negative Korrelation zwischen Stressresistenz und einem hohen Niveau an Immunglobulin E (IgE), einem Antikörper, der auch für allergische Reaktionen verantwortlich ist. Je geringer die Belastbarkeit, desto höher das IgE-Niveau. Für die Atopische Dermatitis wird neben genetischen Faktoren eine auslösende Allergie vermutet. Ein hohes IgE-Niveau kann die Entstehung allergisch bedingter Erkrankungen begünstigen bzw. fördern.

Psychogene Alopezie und Acrale Leckdermatitis

Alopezie (Fellverlust) kann unterschiedliche Ursachen haben. Nach Ausschluss anderer Ursachen, kann von einer psychischen Ursache ausgegangen werden. Wobei ein häufiger und starker Befall mit Parasiten und die Anfälligkeit für Pilzerkrankungen ebenso wie die Anfälligkeit für Allergien in einem ursächlichen Stresszusammenhang stehen kann. Hervorgerufen wird die Symptomatik durch übersteigertes und heftiges Putzverhalten (Leckzwang). Vor allem an den gut zugänglichen Innenseiten von Vorderbeinen und Oberschenkeln und am Bauch kommt es flächig oder lokal begrenzt zum Ausreißen der Haare, eventuell - aber nicht grundsätzlich - mit nachfolgender Verletzung der Haut durch die Katzenzunge und schmerzhaften Entzündungsreaktionen der Haut, die den Leckzwang noch verstärken können.

Psychosomatik: Wenn die Katzen-Seele krank ist, steigt oft das Schlafbedürfnis (Foto: Lösche)

Diabetes

Stress erhöht den Blutzucker-Spiegel. Daraus kann sich eine Unempfindlichkeit der Zellen gegenüber Insulin entwickeln. Den Zellen steht dann Blutzucker als notwendiger Energiespender für den Zellstoffwechsel nicht mehr in ausreichender Menge zur Verfügung. Die Folgen sind weitreichend: Abmagerung trotz Heißhunger, Bewegungsstörungen, Apathie, Immunschwächung, Durchblutungsstörungen, Austrocknung, Erbrechen, Bewusstseinstrübung bis hin zum Koma.

Wenn die Katze trotz Hungers oder sogar Heißhungers abmagert und mehr trinkt als sonst, kann Diabetes dahinter stecken.

Anorexie

Anorexie (Abmagerung) ist eine häufige und eine der schwersten psychosomatischen Erkrankungen bei Katzen und vor allem durch die Entwicklung sekundärer Symptomatik wie hepatischer Lipidose (Fettleber) potentiell lebensbedrohlich. Besonders häufig tritt diese Lebererkrankung bei übergewichtigen Katzen auf, die aufgrund chronischer Stressbelastung das Fressen stark reduzieren oder einstellen. Stressbedingte Anorexie wird nicht durch Cortisol ausgelöst, sondern durch ein anderes Hormon des Cortisol-Stoffwechsels (Corticotropin-releasing hormone/CRH) vermittelt, das bei Fischen, Vögeln und Säugetieren auch die Futteraufnahme und das Erkennen von Beute und Futter beeinflusst. Stressbedingte hormonelle Veränderungen haben deshalb dramatischen Einfluss auf optische Anreize zur Futteraufnahme. Zudem kann chronische Stressbelastung die Annahme von unbekanntem Futter beeinträchtigen. Futterveränderungen können deshalb die Ausprägung einer Anorexie unter Stressbelastung befördern.

Felines Hyperästhesie Syndrom (FHS)/Rolling Skin Syndrome (RSS)

FHS wird sowohl der Epilepsie wie den Muskelerkrankungen zugeordnet. Symptomatisch sind sekunden- bis minutenlanges anfallsartiges Beknabbern und Belecken von Gliedmaßen, heftige Zuckungen von Rücken- und Brustmuskeln, Kratzen und unwillkürliches Umherlaufen, während derer die Katze nicht ansprechbar ist. Außerdem werden Speichelfluss, Lautäußerungen und unkontrollierter Harnabsatz beschrieben, wie sie häufig im Zusammenhang mit epileptischem Geschehen auftreten. Als Auslöser werden Stresserleben, Frustration und Konfliktsituationen diskutiert, ebenso ein Zusammenhang mit wenig katzengerechten, reizarmen Haltungsbedingungen.

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Quellen

Amal et al.: Stress in owned cats: behavioural changes and welfare implications (Journal of Feline Medicine and Surgery 2015)

J.A. Carr: Stress, neuropeptides, and feeding behavior: a comparative perspective (Integrative and Comparative Biology: Oxford Journals, 2002 Jul;42(3):582-90

Horzinek, Marian et al.: Krankheiten der Katze (Enke 2005, 4. Aufl.)

A. Tanaka: Associations among weight loss, stress and upper respiratory tract infection in shelter cats

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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