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PTBS beim Hund? - Folgestörungen durch Traumata

PTBS beim Hund? - Folgestörungen durch Traumata TopDog-Foto - stock.adobe.com PTBS beim Hund? - Folgestörungen durch Traumata

TierschützerInnen, TiertrainerInnen und TiermedizinerInnen lernen mitunter Hunde mit furchtbaren Leidensgeschichten kennen. Manche von ihnen zeigen sogar ein stark verändertes Verhalten und ein gestörtes Wohlbefinden, welche sich nicht immer durch bewährte therapeutische Standardtechniken positiv beeinflussen lassen. Auf der Suche nach Erklärungen dafür bin ich auf die Bezeichnung „Posttraumatisches Belastungssyndrom“ (PTBS, englisch PTSD – Post traumatic stress disorder) gestoßen. Dieser Begriff bezeichnet beim Menschen eine psychische Störung, die als Folge schlimmer Erlebnisse auftreten kann. Fachleute für Hundeverhalten sind sich einig: Die Symptome der menschlichen PTBS passen auch für bestimmte Hunde. Wird diese Diagnose für Hunde angewendet, dann spricht man von „caniner PTSD“, kurz „C-PTSD“. (zum Beispiel Dodman 2016)

Definitionen von PTBS

Der Begriff „Posttraumatisches Belastungssyndrom“ bedeutet: eine Störung, die nach einem Trauma auftritt. Ein Trauma ist ein Ereignis außergewöhnlicher Bedrohung währenddessen der oder die Betroffene handlungsunfähig ist oder versucht, sich zu retten, dabei aber erlebt, dass nichts hilft, die Situation aufzulösen. Starke Emotionen und Körperreaktionen begleiten diesen Zustand. Das Ereignis kann tatsächlich passieren, oder befürchtet werden, oder es wird beobachtet, wie es jemand anderem passiert (nach Ehring und Ehlers 2019).

Beispiele für Traumata (oder „Traumen“) beim Menschen sind: Unfälle, Erkrankungen, Verbrechen, Folter, Geiselnahmen. Beim Hund können zum Beispiel Verlust des Zuhauses, Unfälle, Misshandlungen (auch beim Training, siehe Alupo 2017), Tierarztbehandlungen, Friseurtermine, Eingefangenwerden (Straßenhund), Transport oder Vergewaltigung (Zuchthündin) auf diese Weise erlebt werden.

Auch ein Friseurbesuch kann u.U. ein Trauma auslösen.Auch ein Friseurbesuch kann u.U. ein Trauma auslösen. (© DoraZett - stock.adobe.com)

Dabei kann es sich um ein einzelnes Ereignis, mehrere Traumata oder systematische Gewalt (fortgesetzte geplante Gewalt, um ein Lebewesen gefügig zu machen) handeln.

Reaktionen und Symptome nach einem traumatischen Ereignis bei Mensch und Hund

Ein schlimmes Ereignis wirkt schwerwiegender, wenn die Person bereits vorbelastet ist und / oder wenn sie in der Situation keine soziale Unterstützung erhält. Besonders ungünstig ist es, wenn eine Bezugsperson verursachend beteiligt ist. (Reddemann und Dehner-Rau 2007)

In Folge kann das Lebewesen auf verschiedene Weise reagieren:

  • akute Traumafolgestörung (die Abweichungen im Wohlbefinden und im Verhalten dauern nur kurze Zeit bis maximal einige Wochen an)
  • chronische Traumafolgestörung (die Abweichungen dauern länger als einen Monat. Diese Störung wird als PTBS oder englisch PTSD bezeichnet)
  • komplexe Traumafolgestörung (bei einer Kombination verschiedener Traumata, die über längere Zeit anhalten, Bezeichnung „komplexe PTBS“)

Die Symptome, die beim Menschen auftreten können, fallen in folgende Kategorien:

1Wiedererleben des traumatischen Ereignisses, verbunden mit starken Emotionen wie Angst oder Horror und starken körperlichen Empfindungen, in Form von

• Intrusionen (lebhafte Erinnerungen, ohne geistig völlig in die Trauma-Situation zu geraten)
• Albträume
• Flashbacks (der Mensch gerät mental völlig in die Trauma-Situation, ohne dass er tatsächlich bedroht wird)

Intrusionen und Flash-Backs werden durch „Trigger“ ausgelöst, die in der Umwelt oder im Lebewesen selbst (Körperempfindungen, Gedanken) auftauchen.

2Vermeidung von „Triggern“ oder Situationen, die in Verbindung mit dem Ereignis stehen.

3Persistierende Wahrnehmung erhöhter gegenwärtiger Gefahr, zum Beispiel mit Hypervigilanz (erhöhte Wachsamkeit), Anspannung und / oder verstärkter Schreckhaftigkeit auf Reize wie unerwartete Geräusche.

Bei komplexer PTBS kommt hinzu:

4schwere Probleme der Gefühlsregulation (kleine Anlässe lösen starke Gefühle aus, der Mensch kann Handlungen dabei schlecht steuern oder bremsen und / oder er beruhigt sich nur schlecht wieder)

5Andauernde Ansichten über sich selbst als vermindert, unterlegen oder wertlos,

6Andauernde Schwierigkeiten in tragenden Beziehungen oder bei Nähe zu anderen

Die Symptome treten in unterschiedlicher Intensität und Kombination auf. (Nach ICD-11 (ICD: international anerkannte Liste von Krankheiten, die Ärzten hilft, Diagnosen zu stellen, ICD-11 ist 2018 veröffentlicht worden.))

Mit Ausnahme von Punkt 5) können alle genannten Symptome in ähnlicher Weise beim Hund beobachtet werden.

Beispiele aus dem Trainings-Alltag sind:

  • Heftige Reaktion auf kleine Anlässe wie Gegenstände in der Hand eines Menschen. Je nach Intensität kann man dies als Intrusion oder Flashback bezeichnen. s
  • Während einer Intrusion / eines Flashbacks: Angriff auf einen Menschen / ein anderes Tier. Solche extremen „Flashbacks“ sind selten – aber sie kommen vor.
  • „Alpträume“ (während des Schlafens schreit und / oder bewegt sich der Hund stark).
  • Vermeiden von Situationen, die an schlimme Erlebnisse erinnern (Beispiel: Hunde mit Trainingstrauma versuchen Trainings-Situationen zu meiden.)
  • andauernder Zustand der Übererregung, Hypervigilanz
  • Schwierigkeiten bei der Selbst-Regulation (von Gefühlen, Reaktionen)
  • stark ambivalentes Verhalten gegenüber Bezugspersonen. (Beispiele: Wechsel zwischen Aufsuchen von Nähe und Weggehen, Übersprungsverhalten bei Nähe (oft grobes Spiel und / oder mehr oder weniger gehemmtes Beißen).
Ein Trauma-Erlebnis kann innige Beziehung unmöglich machenEin Trauma-Erlebnis kann innige Beziehung unmöglich machen (© fesenko - stock.adobe.com)

Verschiedene Wissenschaftler haben PTBS beim Hund untersucht. Als mögliche Anzeichen nennen sie allgemeine Stress-Symptome, Automutilation, herabgesetzte Lernfähigkeit, gesteigerte Reaktivität, gesteigerte Wachsamkeit, Schlafstörungen, Alpträume, generalisierte Ängstlichkeit, Schreckreaktionen, Rückzug, allgemeines Meideverhalten, Meiden von Triggern, übermäßige Anhänglichkeit oder herabgesetzte Bindungsbereitschaft (Dao 2011, Nagasawa 2012, Dodman 2016, Alupo 2017).

Alupo (2017) schreibt: „Diese Symptome ähneln den Schlüsselkriterien, die für die Diagnose von PTSD beim Menschen erforderlich sind.“

Diagnose der PTBS

Um die Aussage „Traumafolgestörung“ zu treffen, muss ein traumatisches Ereignis in der Vorgeschichte bekannt sein (Ehring und Ehlers 2019). Wenn das nicht der Fall ist, kann die Vermutung geäußert werden – aber die Diagnose ist nicht sicher.

Für viele Hunde gilt genau dies: ihre Vorgeschichte ist nicht ausreichend bekannt. Ich halte es trotzdem für wichtig, eine „Traumafolgestörung“ zu vermuten, wenn die entsprechenden Symptome vorliegen!

Anerkannt: PTBS bei amerikanischen Militärhunden
Die US Army beschäftigt nicht nur menschliche Soldaten. Auch Hunde werden in Kriegsgebieten eingesetzt. Zuvor müssen sie sich in der Ausbildung als besonders belastbar und stressresistent gezeigt haben. Dass diese MSDs (Military Service Dogs) wie ihre menschlichen Kollegen an PTBS erkranken, bestätigte die Army erstmals 2010. Heute ist anerkannt, dass die Militärhunde durch den Einsatz in Kriegsgebieten eine canine Form der posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln können, die als C-PTSD (Canine posttraumatic stress disorder) bezeichnet wird, übersetzt: Hunde-PTBS. Etwa 20 Prozent der Soldaten kehren traumatisiert nach Hause zurück, und 5-10 Prozent der rund 1700 Militärhunde zeigen durch traumatisierende Erlebnisse im militärischen Einsatz vergleichbare Symptome wie: massive Geräuschangst, Panikattacken, Aggression, Abneigung gegen Menschen oder Abneigung gegen Menschenansammlungen.

Die Hunde werden veterinärmedizinisch und verhaltenspsychologisch betreut. Meist im privaten Umfeld und in Trainingscentern, zuweilen auch im „Holland Military Working Dog Hospital“.

Zeigt sich nicht innerhalb von drei Monaten eine Verbesserung, werden betroffene Hunde je nach Schwere der Symptome anderweitig eingesetzt oder zur Vermittlung freigegeben. Gemeinnützige Organisationen wie „Combat Canines: The DDoc Foundation“ helfen Neubesitzern unter anderem mit Kostenübernahme für die Behandlungen der ausgemusterten Militärhunde. C-PTSD ist eine anerkannte Diagnose für eine mögliche Übernahme von Behandlungskosten der oft langfristigen, unsicheren Rückführung in ein normales Leben ohne Angst. Das Verhalten kann zwar überschrieben werden, aber die Erinnerung nicht. Ein normaler Alltag mit den betroffenen Hunden kann durchaus möglich sein, aber ein passender Trigger - das kann ein Knall, ein Geruch, ein Ton, eine Geste, ein Erlebnis sein - kann das Problem erneut akut werden lassen. Je früher die Behandlung nach dem traumatisierenden Ereignis beginnt, desto größer sind die Heilungschancen.

Abläufe während des Traumas (peritraumatisch)

Erlebt ein Lebewesen ein beeindruckendes Ereignis, dann wird dieses verarbeitet, indem limbisches System und Großhirn in bestimmter Weise zusammenarbeiten (Westedt 2013). Als Folge reagiert der Körper mit Anregung (Stress-Reaktion) und mit Strategien zur Bewältigung. Danach entspannt und erholt sich die Person wieder, und das Ereignis wird im Gedächtnis eingeordnet und gespeichert.

Bei einem traumatischen Ereignis kommt es zu einer übermäßigen emotionalen Reaktion verbunden mit einer Stress-Reaktion, wodurch die Zusammenarbeit von Großhirn, Gefühlszentrum und stress-regulierenden Strukturen gestört wird.

Das Großhirn kann während des Ereignisses ganz oder teilweise außer Kraft gesetzt sein. Dadurch wird das Lebewesen unfähig, Handlungen zu planen und zu steuern. Außerdem werden dann vor allem Gefühle und Körperwahrnehmungen gespeichert. Umgebungsreize werden nur bruchstückhaft im Gedächtnis abgelegt und diese Erinnerungsstücke können unbedeutend erscheinen. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Mensch sich den Geruch nach Bier merkt - aber nicht das Aussehen des Täters. Oder ein getretener Hund reagiert auf schwarzen Stoff – aber nicht auf Fußbewegungen. So entstehen scheinbar unerklärliche „Trigger“, die starke Emotionen oder Körperreaktionen auslösen.

Diese Reaktion in Gehirn und Körper ist so stark, dass die regulierenden Mechanismen versagen. Der Organismus entspannt und erholt sich nicht. Er bleibt alarmiert.

Veränderte Abläufe nach dem Trauma (posttraumatisch)

Die beschriebenen Vorgänge machen verständlich, was Tier oder Mensch posttraumatisch erleben.

  • Die Stress-Reaktion hält an. Das Lebewesen bleibt alarmiert (Nagasawa et al. 2012).
  • Die Elemente des Gefühlszentrums sind übermäßig reaktionsbereit.
  • Scheinbar harmlose „Trigger“ können starke Emotionen und Körperreaktionen auslösen.
  • Die Leistung des Großhirns ist eingeschränkt. Es kann Emotionen schlechter regulieren. Komplexe Aufgaben können nicht bewältigt oder gelernt werden.

Details der peri- und posttraumatischen Neurologie können zum Beispiel in den Büchern von van der Kolk (2016) oder Huber (2009) nachgelesen werden.

Fazit

Manche Hunde zeigen Auffälligkeiten, die dem menschlichen PTBS stark ähneln. Es macht daher Sinn, auch beim Hund von Traumafolgestörungen zu sprechen, und Training und Therapie diesen besonderen Bedingungen anzupassen. Welche Therapieansätze gewählt werden können, erfahren Sie in einem demnächst folgenden zweiten Artikel zum Thema PTBS beim Hund.

Quellen:

Alupo, C. (2017) Canine PTSD Magisterarbete, Skara 2017)

Dao, James (2011) After Duty, Dogs Suffer Like Soldiers, ttps://www.nytimes.com/2011/12/02/us/more-military-dogs-show-signs-of-combat-stress.html?pagewanted=all.

Dodman, N. (2016) Psychological trauma can have far reaching effects in dogs Psychology Today, Oktober 2016

Ehring, T., (2019) Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung Ehlers, A. Verlag hogrefe 2019

Nagasawa, M., Mogi, K. Kikusui, T. (2012) Continued Distress among Abandoned Dogs in Fukushima Scientific Reports Oktober 2012, nature.com

Reddemann, L. Dehner-Rau, C. (2007) Trauma, Trias Verlag 2007

Westedt, H. (2013) Schreck lass nach, Edition CumCane

WHO (2018) International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11)

Maria Hense

Die Tierärztin Maria Hense erwarb ihr umfangreiches Wissen über Hunde durch Beobachtungen an Wölfen, Pudelwölfen und Hunden. Zahlreiche Fortbildungen über Ethologie, Haltung und Verhalten von Haustieren sowie Verhaltenstherapie folgten. Dieses Wissen vermittelt sie in ihrer verhaltenstherapeutischen Tierarztpraxis und als Hundetrainerin. 
Ihre Ziele: psychisch gesunde, alltagstaugliche Hunde, zufriedene Besitzer und artgerechte Beschäftigung des Hundes. Dabei setzt sie auf Problemlösungen, die Hund und Mensch nicht unter Druck setzen und ohne Zwangsmittel auskommen. 
2010 erschien ihr Buch „Der hyperaktive Hund“. 
Zusammen mit Christina Sondermann verfasste sie die Bücher "Spiele für die Hundestunde" (2007) und "Perspektivwechsel" (2014). 
Maria Hense hält Seminare für Hundebesitzer, Trainer sowie Verhaltenstherapeuten und ist seit vielen Jahren als Dozentin, Autorin und Tutorin für die ATN tätig.

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