Nebenwirkungen der Kastration beim Hund – worauf es bei Alter und Rasse ankommt

ATN Akademie. Kastration Hunde aus ethischer Sicht.
(Hunde unterschiedlicher Rassen – Foto: © stock.adobe.com)

Die Kastration bei Rüden, sowie die Entfernung der Eierstöcke bei Hündinnen ist in den USA und in weiten Teilen Europas gängige Praxis. Sei es, um verwilderte Populationen von Hunden zahlenmäßig einzudämmen, Tierschutzhunde leichter zu vermitteln oder aus dem Wunsch heraus, einen „einfacheren“ Hund durch die Kastration zu erhalten. Mit welchen Nebenwirkungen bei Kastration Hund zu rechnen ist, erfahren Sie hier.

Daten und Fakten zur Kastration von Hündinnen und Rüden

Oftmals werden diese Eingriffe innerhalb des ersten Lebensjahres nach der Geburt durchgeführt. Dies ist zum Teil so stark zur Routine geworden, dass potenzielle Nebenwirkungen für die Hunde oftmals in den Hintergrund gerückt sind. Mittlerweile werden jedoch auch die potenziellen Nebenwirkungen einer (frühen) Kastration immer stärker diskutiert. Dabei richtet sich der Fokus zumeist auf hormonelle, sowie verhaltenstechnische Nebenwirkungen, die durchaus massiv sein können. Die rein körperlichen Nebenwirkungen durch Kastration fallen oftmals jedoch aus der Beobachtung und somit aus der Diskussion. Die Studie von Hart und Kollegen aus dem Jahr 2020 greift daher dieses Thema einmal genauer auf und kommt zum Teil zu alarmierenden Ergebnissen. Die Autoren dieser Studie haben dabei für ihre Arbeit Datensätze aus über 15 Jahren ausgewertet, die sie durch ein zentrales veterinärmedizinisches Datensystem erhalten haben. Dabei wurden Daten in Bezug auf Rasse, Alter, Alter bei der Kastration, Geschlecht und Krankheitsbilder analysiert und dann mit den Daten von intakten nicht kastrierten Hunden verglichen.  

ATM Magazinartikel Kastration Hund - eine Gruppe streunender, verwahrloster Hunde auf der Straße
Streunende Hunde – (Foto: © AdobeStock)

Risiken und mögliche Erkrankungen durch Kastration

Die analysierten Daten ergaben, dass die Kastration bei einigen Hunderassen mit einem erhöhten Risiko für schwächende Gelenkerkrankungen verbunden sein kann. Hierzu zählen Hüftdysplasie, kranialer Kreuzbandriss und Ellenbogendysplasie. In Studien an Rassen wie dem Golden Retriever, Labrador Retriever und dem Deutschen Schäferhund wurden Assoziationen zwischen einem erhöhten Risiko für eine oder mehrere Gelenkerkrankungen und einer Kastration, die vor dem ersten Lebensjahr stattfand, gefunden. Das Risiko war dabei zwei- bis viermal so hoch wie bei Hunden der gleichen Rassen, die noch intakt waren. Dieser Anstieg des Erkrankung-Risikos war besonders bei Hunden zu beobachten, die bereits im Alter von 6 Monaten kastriert wurden.  

Ebenso kann das Risiko für Krebserkrankungen steigen. Zu den Krebsarten werden hier Lymphome, Mastzelltumoren, Hämangiosarkome und Osteosarkome von den Autoren mit aufgeführt. Hier zeigten frühere Studien, dass es besonders bei weiblichen Golden Retrievern nach einer frühen Kastration in jedem Alter zu einem etwa 2- bis 4-fachen Anstieg einer oder mehrerer der genannten Krebserkrankungen im Vergleich zu intakten Hündinnen gekommen ist.  

ATM Magazinartikel Kastration Hund - weißer Hund in rosa Body liegt mit Kuscheltieren auf der Seite und erholt sich nach OP
Hund nach einer Kastration – (Foto: ©Shutterstock)

Rassespezifische Unterschiede in Bezug auf Krankheiten

Diese Erkrankungen wurden des weiteren in Bezug auf weitere 29 unterschiedliche Rassen und 3 weiteren Pudle-Rassen untersucht. Dabei versuchten die Autoren, die gleiche Datensammlung und die gleichen Analysetechniken so zu erweitern, dass diese auch auf die entsprechenden Rassen angewendet werden konnten und somit ein valider Vergleich abgeleitet werden konnte. Die Arbeit von Hart und Kollegen deckte dabei große Unterschiede zwischen den Rassen auf. So wurden Unterschiede sowohl im Hinblick auf die angesprochenen Gelenkerkrankungen als auch auf Krebs gefunden.

Dabei schienen kleine Hunderassen tatsächlich kein erhöhtes Risiko für Gelenkerkrankungen im Zusammenhang mit der Kastration zu haben. Lediglich bei Boston Terrier und Shih Tzu gab es einen signifikanten Anstieg bei den Krebserkrankungen. Bei einigen großen Rassen hingegen stieg das Risiko in Bezug auf die untersuchten Erkrankungen.  

Die Unterschiede in den untersuchten Erkrankungen, die bei den Rassen gefunden wurden, waren dabei deutlich größer als geschlechtsspezifische Unterschiede.  

ATN Akademie. Kastration Hunde aus ethischer Sicht.
Hunde im Welpenalter – (Foto: © AdobeStock)

Richtlinie für das Kastrationsalter von Hündinnen und Rüden

Um sowohl Hundebesitzern als auch Tierärzten bei der Entscheidung über das Alter für die Kastration des jeweiligen Hundes zu helfen, versuchen die Autoren Richtlinien für das Kastrationsalter zu formulieren, die auf Rassen- und Geschlechtsbasis festgelegt werden. Die Anwendung dieser Richtlinien soll verhindern, dass sich das Risiko erhöht, dass ein Hund an diesen Gelenkerkrankungen oder Krebs erkrankt. Wer Interesse an der tabellarischen Auflistung der Empfehlungen hat, kann dies unter diesem Link nachschauen.

Final ist zu sagen, dass aus analysetechnischen Gründen zwar nicht alle Rassen mit einbezogen wurden (eine weitere Veröffentlichung, in der Mischlinge untersucht wurden, wird noch folgen), jedoch die gefundenen Ergebnisse in Bezug auf Kastrationsalter und Rassen statistisch gut abgesichert werden konnten. Daher kann man zumindest einen validen Trend zu den ausschlaggebenden Faktoren hier herausziehen und dadurch die Aussage untermauert werden, dass Alter und Rasse von Hunden dringend bei der Entscheidung für oder gegen eine Kastration mit einbezogen werden sollten.    

ATM Magazinartikel Kastration Hund - ängstlicher großer Hund auf dem Boden liegend blickt nach oben
Ängstlicher Hund – (Foto: © AdobeStock)

Fazit

Die Kastration von Hunden ist ein weit verbreiteter Eingriff, dessen mögliche gesundheitliche Folgen lange unterschätzt wurden.
Aktuelle Studien zeigen jedoch, dass insbesondere eine frühe Kastration – abhängig von Rasse und Größe – mit einem erhöhten Risiko für Gelenkerkrankungen und bestimmte Krebsarten verbunden sein kann.
Die Ergebnisse machen deutlich, dass pauschale Empfehlungen nicht sinnvoll sind. Stattdessen sollten Alter, Rasse und individuelle Faktoren des Hundes sorgfältig in die Entscheidung einbezogen und gemeinsam mit dem Tierarzt abgewogen werden.

Nebenwirkungen der frühen Kastration

  • Gelenkprobleme (Hüfte, Ellbogen)
  • Kreuzbandrisse
  • Übergewicht
  • Schilddrüsenunterfunktion
  • Herz-Kreislauf-Probleme
  • Bestimmte Krebsarten
  • Infektionsanfälligkeit

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Dr. rer. nat. Sven Wieskotten - Autor ATM

Dr. rer. nat. Sven Wieskotten

Dr. rer. nat. Sven Wieskotten ist promovierter Biologe. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Uni Bochum und der Universität Rostock  forschte er zur Leistungsfähigkeit von Sinnessystemen bei Robben. Seine Arbeit mündete in einer Vielzahl wissenschaftlicher Publikationen und Fachvorträge. 2016 machte er sich selbstständig und gibt seitdem sein Wissen über die Tierhaltung, Tierbeschäftigung und das Tiertraining an Tier- und Hundetrainer, sowie an Zoos, Tierärzten und Universitäten weiter.

Seit 2016 ist er als Autor, Tutor und Dozent in diversen Lehrskripten und Lehrgängen an der ATN tätig und war dort an der Entwicklung des Lehrgangs „Tiertrainer“ beteiligt. Der Fokus seiner Arbeit liegt dabei auf der Integration wissenschaftlicher Lerntheorien in die Praxis. Ganz wichtig sind ihm dabei die Anpassungen der Methoden an die jeweiligen Tierarten und Individuen, um stets das tiergerechte und zielführende Training zu optimieren. Sven Wieskotten lebt mit seiner Frau, zwei Kindern und Hund in Rostock an der Ostsee.

Hart, B.L., Hart, L.A., Thigpen, A.P., Willits, N.H. (2020). Assisting Decision-Making on Age of Neutering for 35 Breeds of Dogs: Associated Joint Disorders, Cancers, and Urinary Incontinence. Front. Vet. Sci., 07 July 2020. Sec. Animal Reproduction – Theriogenology. 7. https://doi.org/10.3389/fvets.2020.00388. 

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