Diagnose: Kreuzbandriss beim Hund

Magyar Wizsla
Ein akuter Kreuzbandriss kann beim Hund mitten im Lauf passieren und trifft nicht nur ältere Hunde ©alektas/pixabay 

Kreuzbandriss im Hundeknie: Es ist die häufigste Diagnose bei kniegedingten Lahmheiten des Hundes. Ein akuter Kreuzbandriss passiert plötzlich. Eben noch tobte der Hund fröhlich durch den Garten, eine Minute später schleppt er sich mühsam humpelnd auf einen zu, ohne dass äußerlich eine Verletzung festzustellen ist.  

Viele Hunde sind große Künstler, wenn es darum geht, keinen Schmerz zu zeigen. Bei einem akuten Kreuzbandriss ist es damit vorbei. Betroffene Hunde lahmen stark und können das Bein kaum oder überhaupt nicht mehr aufsetzen. Wer schon einmal einen Kreuzbandriss hatte, fühlt mit: Es ist extrem schmerzhaft. Die Symptome sind sehr spezifisch, entsprechend sicher erfolgt bei einem akuten Kreuzbandriss (Kreuzbandruptur) die Diagnose. 

Ein chronisch verlaufender Kreuzbandschaden oder Anriss braucht für eine sichere Abklärung unter Umständen weitere Untersuchungen und bildgebende Verfahren. Das Geschehen ist weniger dramatisch und die Symptome nicht ganz so eindeutig. Oft humpelt der Hund zunächst nur bei Bewegungsbeginn, läuft sich dann aber ein. Die beginnende Lahmheit wird nicht bemerkt oder nicht ernst genommen. Bis sie sich schließlich nicht mehr ignorieren lässt oder es zu einen akuten Kreuzbandriss kommt.  

Nice to know: Anatomie des Knies  

Das Knie besteht aus zwei Gelenken, dem Kniekehlgelenk und dem Kniescheibengelenk. Das Kniekehlgelenk verbindet Oberschenkelknochen (Femur) und Schienbein (Tibia) miteinander. Das Kniescheibengelenk verbindet den Oberschenkelknochen mit der Kniescheibe (Patella). Deshalb bezeichnet man das Kniegelenk auch als „zusammengesetztes Gelenk“. Stabilisiert wird das Knie durch zusätzliche Bänder: Seitenbänder, das Kniescheibenband sowie besagte Kreuzbänder. Insgesamt sind es dreizehn Bänder. 

Anatomie Kniegelenk Hund
Die knöchernen Strukturen des Hunde-Kniegelenks mit eingezeichneten Kreuzbändern  
©Nina Blaschke 

Das Knie – wichtigstes Gelenk für die Fortbewegung 

Die Knie sind die wichtigsten Gelenke für die Fortbewegung des Hundes. Zusammen mit Hüft- und Sprunggelenk leiten sie Bewegungen ein und übertragen diese auf den ganzen Körper, stemmen oder katapultieren ihn nach vorne oder in die Luft. Dabei wirken oft enorme Kräfte auf die Knie ein. Entsprechend stabil sind sie konstruiert.  

Einerseits muss das Hundeknie dieser Belastung standhalten, andererseits die auf das Gelenk wirkenden Kräfte richtungsstabil, aber trotzdem beweglich aufnehmen und weiterleiten. Dabei wird es durch Kniescheibe und Menisken, aber auch durch verschiedene Bänder in Position gehalten. Jeder Defekt am Knie stört die gesunde biomechanische Funktion. 

Meist betroffen: Das vordere Kreuzband 

Häufigster Defekt ist der Riss (Ruptur) des vorderen Kreuzbandes. Ihren Namen verdanken die im Knie liegenden Kreuzbänder dem gekreuzten Verlauf zwischen Oberschenkelknochen und Schienbein. Das vordere Kreuzband zieht von der hinteren Gelenkfläche am Oberschenkel zur mittleren Fläche des Gelenks am Schienbein, verläuft also von hinten nach vorne. Das hintere Kreuzband verläuft von der inneren Fläche des Gelenks am Oberschenkel zur „Rückseite“ der Gelenkfläche am Unterschenkel von vorne nach hinten. Dabei kreuzen sich die Kreuzbänder in ihrem Verlauf. Es können auch nur das hintere Kreuzband betroffen sein oder beide Kreuzbänder, aber das ist wesentlich seltener der Fall. Deshalb konzentrieren wir uns hier auf das vordere Kreuzband.  

Knieuntersuchung Hund
Ein akuter Kreuzbandriss ist leicht zu diagnostizieren ©ATM Mediathek 

Nice to know: Kollateralschaden am Meniskus 

 Zwischen Oberschenkelknochen und Schienbein gibt es im Knie zwei Menisken, einen äußeren (lateraler Meniskus) und einen inneren (medialer Meniskus). Diese kleinen Faserknorpelscheiben gleichen leichte Passungenauigkeiten (Inkongruenzen) im Kniekehlgelenk aus und wirken als “Stoßdämpfer”. In 50-75% der Fälle wird der mediale Meniskus bei einer Ruptur des vorderen Kreuzbands in Mitleidenschaft gezogen. Entweder er reißt direkt mit oder wird durch die veränderte Biomechanik im Gelenk geschädigt. 

Schubladenphänomen und Meniskusschaden 

Ähnlich einer Schublade, die sich öffnet, kann sich das Schienbein nach der Ruptur des vorderen Kreuzbandes gegenüber dem Oberschenkel zu weit nach vorne bewegen, weil dessen stützende „Bremswirkung“ fehlt. Diese unnatürliche Beweglichkeit wird als „Schubladenphänomen“ bezeichnet und kann zur Diagnosefindung mit herangezogen werden.  

Der laterale Meniskus kann der veränderten Biomechanik recht gut folgen. Der stärker fixierte mediale Meniskus ist dazu weniger gut in der Lage und reißt bei einer Ruptur des vorderen Kreuzbands in sehr vielen Fällen ebenfalls. Betroffen ist in der Regel der hintere Teil des medialen Meniskus. Gleitet der jetzt lose Meniskusteil im Gehen oder bei der Untersuchung vor- und zurück, löst das bei manchen Tieren ein charakteristisches Geräusch aus, eine Art „Klicken“, das als “Meniskusklickbezeichnet wird. Für den Hund verstärkt der Meniskusschaden den durch den Kreuzbandriss ohnehin schon vorhandenen Schmerz zusätzlich. 

West HIghland White Terrier
Der West Highland White Terrier gehört zu den Rassen mit erhöhtem Risiko  
© Jesper Rasmussen/Pixabay 

Ursachen für einen Kreuzbandriss 

Beim Menschen wird der Kreuzbandriss meist durch ein akutes Trauma verursacht, einen Sturz zum Beispiel. Beim Hund entwickeln sich die Probleme überwiegend chronisch, also schleichend über einen längeren Zeitraum hinweg. Degenerative Veränderungen am vorderen Kreuzband führen zu einer zunehmenden Schwächung, was einzelne Sehnenfasern bereits teilweise reißen lässt – man spricht von einem Teilriss des Kreuzbandes (partielle Kreuzbandruptur). Kommt dann ein kleineres Trauma, eine unglückliche Bewegung hinzu, kann das Band komplett reißen (vollständige Kreuzbandruptur). 

Grundsätzlich kann es jeden Hund treffen. Besonders anfällig dafür sind schwere Hunde, Tiere mit Übergewicht sowie folgende Hunderassen:  

  • Rottweiler 
  • Neufundländer 
  • Boxer 
  • Labrador Retriever 
  • Bulldogge 
  • Staffordshire
  • West Highland White Terrier 

Bei den genannten Hunderassen geht man von einer genetischen Veranlagung aus, welche durch eine unnormale Ausbildung des Kniegelenks und ein ungünstiges Gangbild den Kreuzbandriss begünstigen kann. Allgemein lässt sich feststellen, dass bei sehr aktiven Hunden, schweren und großen Tieren sowie bei einer steilen Stellung der Hinterhand (z.B. beim Boxer) die auf das vordere Kreuzband wirkende Kraft besonders groß ist. 
Bei kleinen Hunden tritt der vordere Kreuzbandriss häufig im fortgeschritteneren Alter von 9-12 Jahren auf, wohingegen große, aktive Hunde mit einem Alter von bis zu 6 Jahren meist jünger sind. 

Daran erkennt man einen Kreuzbandriss beim Hund 

Akuter Riss: 

  • plötzliche Lahmheit auf dem betreffenden Bein mit vollständiger oder weitgehender Entlastung der Gliedmaße 
  • Zehenspitzenfußung möglich 
  • Tiere vermeiden Streckung (Extension) des Kniegelenks 
  • Außenrotation des Knies 
  • Schwellung, vermehrte Wärme am Kniegelenk 
  • bei gleichzeitigem Meniskusschaden dauerhaft mittel- bis hochgradige Lahmheit, eventuell hörbarer Meniskusklick  

Chronische Verletzung des Kreuzbands:  

  • schon länger bestehende, mittelgradige Lahmheit 
  • Probleme beim Aufstehen und Hinsetzen, im Sitzen nach außen gestellte Gliedmaße 
  • Arthrosen im Kniegelenk 
  • Muskulaturschwund ist möglich 
Hund am Strand
Ein Kreuzbandriss kann jeden Hund treffen, auch Mischlinge 
©Patricia Lösche 

So wird ein Kreuzbandriss beim Hund behandelt 

Eine Verletzung der Kreuzbänder ist immer ein Fall für den Tierarzt. Meist wird der Kreuzbandriss beim Hund chirurgisch behandelt. Je nach Tier, Art des Risses und Möglichkeiten der Praxis kommen für die Behandlung unterschiedliche Operationsmöglichkeiten in Frage. Ruhigstellung und Schmerzmittel sind bei Hunden nicht erfolgversprechend, weil die veränderte Biomechanik bestehen bleibt. Das führt im weiteren Verlauf zur Arthrosebildung im Kniegelenk. Zudem wird durch die Schonhaltung des verletzten Beines das (noch) gesunde überlastet, was hier ebenfalls zu einem Kreuzbandriss führen kann. Deshalb ist für die meisten Hunde eine Operation das therapeutische Mittel der Wahl. Dafür gibt es unterschiedliche Methoden: 

Bei kleinen Hunden 
KapselraffungStabilisiert das Kniegelenk und kann vor allem bei kleinen Hunden gute Ergebnisse erzielen.
Die Biomechanik des Gelenks bleibt erhalten. 
Bandersatz Das ursprüngliche Kreuzband durch körpereigenes Gewebe (z.B. Fasziengewebe) wird
in seinem korrekten Verlauf im Gelenk „nachgebildet“ (intraartikuläre Stabilisierung) oder
aber das Kniegelenk mittels synthetischer Materialien außerhalb des Gelenks (extraartikulär)
stabilisiert. Diese Methode kann ebenfalls gut bei kleinen Hunden angewendet werden.
Auch hier bleibt die Biomechanik erhalten. 
Bei größeren Hunden 
TTA 
(Tibial Tuberostiy Advancement) 
Die vordere Schienbeinseite (Tuberositas tibiae) wird abgetrennt und nach vorne geneigt
neu befestigt. Die Biomechanik des Knies wird dadurch verändert. 
TPLO (Tibia Plateau Leveling Osteotomy) Das Tibiaplateau ist die Gelenkfläche auf dem Schienbein. Bei der TPLO wird das Tibiaplateau gedreht und in dieser veränderten Stellung wieder neu verschraubt.
Die Biomechanik wird dadurch verändert. 

TTA und TPLO eignen sich sehr gut zur Versorgung mittelgroßer und großer Hunde. Sie machen das vordere Kreuzband in seiner Funktion – nämlich dem Vorwärtsschub des Schienbeins entgegenzuwirken – überflüssig. Deshalb wird die Ruptur selbst nicht behoben. Ist der Meniskus ebenfalls betroffen, wird er im Zuge der Operation ganz oder teilweise entfernt. Nach einer OP tritt bei bis zu 90% der operierten Tiere eine Besserung ein. Die Prognose in Bezug auf die Funktionalität der Gliedmaße ist gut. 

Minimalinvasive Methode: PRP/ACP (V-pet)

Für diese Therapie wird dem Hund Blut abgenommen und anschließend zentrifugiert. Das so gewonnene Blutplasma hat eine bis zu vier- bis fünffach erhöhte Thrombozyten-Konzentration. Unter sterilen Bedingungen und Röntgenkontrolle wird es dem in Narkose gelegten Hund präzise ins Gelenk injiziert. Dort regt es durch Aktivierung unterschiedlicher Zelltypen durch die enthaltenen Wachstumsfaktoren die Selbstheilung an. Auch in der Humanmedizin wird diese Therapieform angewandt. Ein minimalinvasiver Eingriff, der keine operative Manipulation am Gelenk und Knochen erforderlich macht. Nachteil: Die Methode ist noch wenig verbreitet und es dauert länger, bis das Knie wieder normal belastet werden kann. 

Physiotherapie Hund
Möglichst früh einsetzende Tierphysiotherapie wirkt Folgeschäden entgegen
©ATM Mediathek 

Enorm wichtig: Begleitende Tierphysiotherapie

Die generelle Nachsorge nach einer Kreuzband-OP besteht zunächst aus der Gabe von Schmerzmitteln und Schonung. Danach erfolgt ein langsamer, schrittweiser Wiederaufbau der Belastung. Zusätzlich unterstützen können Knorpelaufbaupräparate (z.B. Chondritinsulfat). Ganz wichtig ist die schnellstmögliche Nachbehandlung durch einen Tierphysiotherapeuten.  

Die Behandlung unterstützt die schonende Mobilisierung und die Erhaltung der Muskulatur am betroffenen Bein. Der Heilungsprozess nach einer TTA bzw. TPLO dauert bis zu 12 Wochen, nach der V-pet-Methode deutlich länger. In dieser Zeit nimmt der Hund eine Schonhaltung an, was zu einer Fehlbelastung insbesondere des gegenüberliegenden Knies führt. Die physiotherapeutische Nachsorge wirkt dem entgegen.  

Fazit

Ein Kreuzbandriss ist immer eine schwere Beschädigung des Knies, die jedoch im Allgemeinen gut behandelbar ist. Es gibt genetische Faktoren, die insbesondere bei den genannten Hunderassen einen Kreuzbandriss begünstigen. Aber es kann auch alle anderen Hunde treffen. Prophylaktisch lässt sich aber die Wahrscheinlichkeit verringern: Durch Gewichtsreduktion bei bestehendem Übergewicht und allgemein bedarfsgerechte Ernährung, ganz besonders in der Zeit des Wachstums. Die Vermeidung von unnatürlich starken Belastungen der Gelenke sowie ausreichend natürliche Bewegung, die für eine gesunde Bemuskelung sorgt, reduzieren das Risiko weiterhin.  

Nina Blaschke Autorin

Nina Blaschke

Nina Blaschke ist Tierärztin und machte sich 2020 als Dozentin selbstständig. Sie liebt es, anderen Menschen ihre Leidenschaft für die Tiermedizin näher zu bringen und ihr Wissen mit anderen zu teilen. Besonders wichtig ist ihr ein aktiver, anschaulicher Unterricht sowie die Begeisterung beim Lernen, weshalb auch ihr Demo Skelett-Hund „Henry“ bei fast allen Seminaren mit von der Partie ist. Einen großen Teil ihres praktischen Studiums absolvierte sie im englischsprachigen Ausland und erhielt so wichtige Einblicke in die Tiermedizin anderer Länder. Neben ihrer Dozententätigkeit widmet sich Nina Blaschke zudem mit großer Freude der TCM – und in der Freizeit natürlich ihren eigenen Tieren. Diese Erfahrungen gibt sie in den Seminaren gerne weiter.

 

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