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Grundbegriffe der Akupunktur (3): Qi

Qi ist die Grundlage aller Bewegung Patricia Lösche Qi ist die Grundlage aller Bewegung

Chinesische Medizin kann nur aus dem chinesischen Denken heraus verstanden werden. Neben Yin und Yang ist Qi ein weiterer zentraler Begriff. Weniger bekannt als die beiden erstgenannten und schwieriger zu fassen, aber von zentraler Bedeutung für die Akupunktur.

Wie Yin und Yang ist Qi ein Grundprinzip, etwas, das lebender wie toter Materie zugeordnet werden kann. Wie so vieles in der Traditionellen Chinesischen Medizin ist es mehr philosophisch als medizinisch definiert. Und da die Sichtweise der chinesischen Philosophie unserem Denken so fremd ist, gibt es weder im Deutschen noch im Englischen einen entsprechenden Begriff. Oft wird es mit Lebensenergie oder Lebensprinzip übersetzt. Doch das trifft es nur teilweise.

Yin und Yang setzen alles zueinander in Beziehung, sind das Ordnungsprinzip hinter allem (beschrieben im 2. Teil der Serie), Qi hingegen ist als funktionelles Wirkprinzip zu verstehen. Beispielhaft sei es hier anhand der Elektrizität verdeutlicht. Sie ist allgegenwärtig, aber unsichtbar. Das Prinzip des Plus und Minus in der Elektrizität ist überall gleich, die Auswirkungen richten sich jedoch nach der jeweiligen Funktion. Elektrizität generiert so gewaltige und zerstörerische Naturereignisse wie Gewitterblitze, doch keine Zelle eines lebenden Organismus würde ohne sie arbeiten, und aus der Steckdose kommend betreibt sie elektrische Geräte mit den unterschiedlichsten Funktionen. Wandelbar wie ein Chamäleon nimmt Qi die „Form" seiner jeweiligen Aufgabe an und ist gleichzeitig überall. Und so wie ein elektrischer Stromgenerator Strom erzeugt, indem er Strom verbraucht, ist Qi nötig um Qi zu erzeugen.

Formen des Qi

Im Zeugungsakt bekommt ein Lebewesen von den Eltern sein Ursprungs-Qi übertragen. Sind die Eltern vital und gesund, ist das von ihnen auf das Kind oder die Kinder übertragene Qi ebenfalls kräftig und vital. Wir würden sagen, die Nachkommen haben eine gute Konstitution. Bei einem Wurf mit mehreren Welpen wird das Qi unter ihnen aufgeteilt. Selten geschieht das gleichmäßig, so dass nicht alle Welpen die gleiche Konstitution haben. Es gibt starke und schwache.

Im Laufe des Lebens wird dieses Ursprungs- oder vorgeburtliche Qi verbraucht. Ein schwaches schneller als ein starkes, ungesunder Lebenswandel verbraucht mehr als ein gesunder. Diesem Verbrauch werden zwei weitere Quellen des Qi entgegen gesetzt: Das Nahrungs-Qi aus der Ernährung und das Luft-Qi aus der Atmung. Im Gegensatz zum Ursprungs-Qi werden sie nicht nur verbraucht, sondern ständig erneuert und aufgefüllt, solange Nahrung aufgenommen und geatmet wird. Ohne sie käme es unweigerlich zum Tod, weil das Ursprungs-Qi sehr schnell aufgebraucht würde.

Zusammen genommen werden sie als Normales oder Rechtes Qi bezeichnet. Die Konstitution der Eltern bei der Zeugung ihrer Kinder, die Qualität von Nahrung und Atemluft bilden damit die Grundlage, auf der Leben und Gesundheit, aber auch Krankheit und Tod basieren. Hier ist leicht erkennbar, dass östliche und westliche Medizin auf unterschiedlichen Wegen zur selben Erkenntnis gelangen, es sich also nicht um ein Entweder-Oder, sondern um ein Sowohl- Als-Auch handelt.

Aspekte und Funktionen des Qi

Obwohl es wesentlich mehr Aspekte gibt, sind für die Akupunktur-Diagnostik die fünf wichtigsten Funktionen des Qi Bewegung, Schutz, Umwandlung, Bewahrung und Erwärmung. Qi ist Bewegung, zugleich ermöglicht und begleitet es jede Form der Bewegung, ohne deren Ursache zu sein. Qi ist also nicht der Schubs, der die Kugel rollen lässt, sondern eher das Phänomen, dass die Kugel rollt, wenn man sie schubst. Bewegung ist in diesem Zusammenhang nicht nur als Fortbewegung, sondern sehr weit gefasst zu verstehen: Sprechen, Denken, Träumen, aber auch Geburt, Altern, Reifung, Wachstum gehören dazu, Organfunktionen, Verdauung, grundsätzlich alle Formen körperlicher Vorgänge brauchen Qi. Bei einem Mangel an Qi kommt es zu Disharmonien und Funktionsstörungen. Qi kann sich stauen oder in die falsche Richtung fließen, rebellieren und außer Kontrolle geraten. Die Symptome, die dadurch verursacht werden, sind Krankheits-Symptome, die im Rahmen einer TCM-Diagnose vor der Akupunktur- oder Kräuterbehandlung erfasst werden.

Ist Qi ausreichend vorhanden, schützt es den Körper gegen alles, was krank macht. Damit zeigt es eine unverkennbare Ähnlichkeit zum westlichen Immunsystem. Nach tradierter chinesischer Auffassung dringen bei einer akuten Erkrankung zunächst pathogene äußere Faktoren in den Körper. Werden sie aufgrund eines Mangels an Qi nicht abgewehrt, wandern sie nach innen und machen nachhaltig krank. Innen und außen ist in diesem Zusammenhang nicht unbedingt räumlich zu verstehen. Es bezeichnet eher die Schwere der Erkrankung. Ein grippaler Infekt ist eine äußerliche, eine Yang-Erkrankung. Wird er nicht auskuriert, weil das Abwehr-Qi zu schwach ist, kann er in Form einer inneren Erkrankung Herz und Lunge chronisch angreifen und zu einer wesentlich ernsteren Yin-Erkrankung werden.

Das Qi der Nahrung (Nahrungs-Qi) und der Atmung (Atmungs-Qi) kann nur dann vom Körper genutzt werden, wenn es transformiert, also umgewandelt wird. Nur wenn genügend Qi zur Verfügung steht, werden daraus neben dem Qi selbst auch Blut, Schweiß, Speichel und Tränen gewonnen, Urin und Kot gebildet. Dass dies in den richtigen Organen geschieht, diese an ihrem natürlichen Platz bleiben und der Körper seine Normaltemperatur halten kann, ist abhängig von der Fähigkeit des Qi, Organe und Substanzen im Körper zu bewahren und zu ihn wärmen.

Die Arten des Qi

Im alten China gab es kaum Interesse an der inneren Anatomie, wohl aber an zu beobachtenden Funktionen und Funktionsstörungen. Im Laufe der Jahrtausende entstand lange vor der Entwicklung westlicher Schulmedizin, die kaum 160 Jahre alt ist, durch reine Beobachtung ein erstaunlich präzises Bild von den Zusammenhängen im Körper. Obwohl die Traditionelle Chinesische Medizin keine strukturellen Organe in unserem Sinne kennt. Wohl aber Funktionskreise, die ihnen oft sehr ähnlich sind und darum auch entsprechend bezeichnet werden. Das sind die Yin-Organe Herz, Pericard (Herzbeutel), Milz, Lunge, Nieren, Leber und die Yang-Organe Dünndarm, Magen, Dickdarm, Blase, Gallenblase. Außerdem kennt die TCM Organe, die es im Körper nicht gibt. Das erklärt sich aus der rein funktionellen Sichtweise, die kein physisches Gegenstück braucht. Alle Organe haben jeweils ein spezifisches, auf das Organ bezogenes Qi, das für die Funktion eine essenzielle Bedeutung hat, das Organ-Qi.

Während die wertlosen Bestandteile der Nahrung ausgeschieden werden, müssen die „Wertstoffe" dem Körper zugänglich gemacht werden. Mit Hilfe des Nahrungs-Qi wird daraus Blut gewonnen. Zusammen mit dem Blut bewegt sich das Nahrungs-Qi in den Adern und hat eine enge Verbindung zu ihm. Das Atmungs-Qi, oft auch als Ahnen-Qi bezeichnet, ist dagegen Lunge und Herz zuzuordnen. Es steuert die rhythmischen Bewegungen von Atmung und Herzschlag, lässt das Blut fließen und die Stimme erklingen.

Das Abwehr-Qi hingegen wirkt im Brustraum und in der Bauchhöhle, im Bereich zwischen Haut und Muskeln. Die Beschaffenheit von Haut und Haaren kann dem TCM-Diagnostiker Auskunft über den Stand des Abwehr-Qi geben, ebenso Hautfunktionen wie das Schwitzen. Ein schlechtes Haarkleid, Hautprobleme und unangemessenes Schwitzen sind für den Behandler ein Indiz für ein schwaches Abwehr-Qi.

Ein Netz von Leitbahnen durchzieht den Körper und verbindet die Organe miteinander, wobei jedem Organ eine eigene Leitbahn zugeordnet ist. Die meisten Akupunkturpunkte befinden sich auf diesen Leitbahnen. Zusammen bilden sie einen funktionellen Verbund, das „Kanalsystem" oder auch Netzwerk, über das die benötigte Energie regel- und kontrollierbar, harmonisch und bedarfsgerecht im ganzen Körper verteilt wird. Das hierfür benötigte Qi ist das Leitbahnen-Qi.

Die Prinzipien des Yin und Yang, in Folge zwei besprochen, gelten auch für das Qi. Grundsätzlich hat es Yang-Charakter. Im Vergleich zueinander lassen sich Abwehr- und Leitbahnen-Qi eher dem Yang zurechnen, das Nahrungs-Qi eher dem Yin. Ein Qi-Mangel ist ein Yin-Zustand, ein Qi-Stau hingegen eine Yang-Störung. Diese Klassifizierungen setzen Symptome in Beziehung zueinander. Das ist wichtig und eine der Grundlagen für die Bestimmung der Disharmonie-Muster, nach denen ein TCM-Behandler die Diagnose stellt und die Behandlungskonzepte bestimmt.

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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