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Allergie beim Hund – so entsteht sie

Allergie beim Hund – so entsteht sie Patricia Lösche Allergie beim Hund – so entsteht sie

Allergien entstehen durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Substanzen. Auch beim Hund ist das so oder bei der Katze. Diese Immunabwehr ist für den Organismus von Tier und Mensch Türsteher und Bodyguard zugleich. Ihre Aufgabe ist es, schädliche Eindringlinge erst zu identifizieren und dann zu bekämpfen. Eine Funktion, die sehr komplexen Steuerungsprozessen unterliegt.

Was genau geschieht im Körper des Hundes bei einer Allergie?

Bei einer Allergie interpretiert das Immunsystem gewisse Reize fälschlicherweise als gefährlich. Es leitet daraufhin Abwehrreaktionen in die Wege, die eine Allergiesymptomatik von Haut, Magen-Darm-Trakt oder des Herz-Kreislauf-Systems zur Folge haben. Stoffe, die eine solche Reaktion auslösen, werden als Allergene bezeichnet und können pflanzlichen, tierischen oder chemischen Ursprungs sein. Das Immunsystem entwickelt ein Gedächtnis für diese Stoffe. Darum reagiert der Körper bei jedem weiteren Kontakt erneut mit den spezifischen Abwehrreaktionen.

Futterzusatzstoffe können beim Hund Allergien auslösen. Futterzusatzstoffe können beim Hund Allergien auslösen. (© Chalabala - stock.adobe.com)

Allergene triggern das Immunsystem

An Haut und Schleimhäuten treten Umwelt und Organismus miteinander in Kontakt. Dabei kommt es zu einer Wechselwirkung zwischen den Eiweißverbindungen (Peptiden) der Allergieauslöser und dem Immunsystem des Organismus. Die Peptide der Allergene binden in bestimmten Bereichen (den IgE-Rezeptoren) an Mastzellen. Dieser Zelltyp bildet die Vorhut des Immunsystems und befindet sich in großer Zahl dort, wo Kontakt mit potentiell schädlichen Umweltreizen zu erwarten ist, also in der Haut und in den Schleimhäuten von Atemwegen und Darm.

Eiweiße (Proteine) bestehen aus Aminosäuren und sind ein sehr wichtiger Baustoff für Zellen im ganzen Körper: Muskeln, Organe, Enzyme, Blut, Hormone, Antikörper, alles enthält Eiweiße und Eiweißverbindungen. Wie Kohlenhydrate und Fette liefern sie außerdem Energie.

Auf die Bindung der allergenen Peptide reagieren die Mastzellen mit der Ausschüttung (Degranulation) von über 70 verschiedenen Botenstoffen. Diese Botenstoffe setzen weitere Reaktionen in Gang und informieren andere Zelltypen des Immunsystems. Dank dieser sofortigen (unspezifischen) Immunantwort werden 90 Prozent aller für den Körper potentiell gefährlichen Stoffe bereits vor Eintritt in den Organismus abgefangen, ohne dass die gezielte (spezifische) Immunabwehr überhaupt einbezogen werden muss.

Allergie und Histamin: Eine juckende Verbindung

Bei Allergien spielt Histamin als Botenstoff eine entscheidende Rolle: Durch Bindung des Allergens an den IgE-Rezeptor kommt es zur Ausschüttung von Histamin und weiteren Entzündungsbotenstoffen. Als Folge schwillt die Haut an, es wird Sekret produziert, Juckreiz entsteht – das Immunsystem ist aktiviert und kämpft gegen den Reiz an.

Histamin, Mastzellen und Neuropeptide
Histamin kommt in menschlichen, tierischen, bakteriellen und pflanzlichen Organismen vor. Bei Säugetieren ist Histamin als Gewebshormon und Neurotransmitter wesentlich beteiligt an allergischen Reaktionen und an der Immunabwehr. Außerdem ist es beteiligt an der Produktion von Magensäure, an der Steuerung von Darmbewegungen, Schlaf-Wach-Rhythmus und Appetit. Es wird unter anderem in Mastzellen gespeichert, die zur Immunabwehr gehören. Peptide sind durch Verknüpfung von zwei oder mehr Aminosäuren entstehende Kettenmoleküle. Die dem Nervensystem zugehörigen Peptide bezeichnet man als Neuropeptide. Sie wirken als Botenstoffe und hemmen oder steigern an den Synapsen (Verbindungsstellen zwischen Nerven) die Erregungsweiterleitung von einer Nervenzelle auf andere Zellen.

Bekannt ist, dass sich viele chronisch-entzündliche Erkrankungen und Allergiesymptomatiken unter Stress verschlechtern. Als Ursache dafür wird unter anderem diskutiert, dass sich in unmittelbarer Nähe von Nervenendigungen besonders viele Mastzellen befinden können. Sie enthalten Histamin und verfügen über Rezeptoren für Neuropeptide, die ebenfalls in der Lage sind, die Ausschüttung des Histamins aus den Mastzellen auszulösen. Werden bei Stress Neuropeptide aus den Nervenendigungen freigesetzt, binden diese an die Rezeptoren der dort vorhandenen Mastzellen, aktivieren sie und das Geschehen wird weiter verstärkt.

Juckreiz kann Symptom einer Allergie sein. Juckreiz kann Symptom einer Allergie sein. (© albertoGE - Pixabay)

Unspezifische und spezifische Immunabwehr
Die unspezifische (angeborene) Immunabwehr stellt die erste Antwort des Immunsystems dar. Sie reagiert auf alle Erreger gleich, darum „unspezifisch“, und umfasst den Schutz durch Haut und Schleimhäute sowie durch Abwehrzellen und Proteine, tritt sehr schnell in Aktion, kann aber die Ausbreitung von Keimen nur begrenzt verhindern. Wenn die unspezifische, angeborene Immunabwehr nicht in der Lage ist, den Erreger zu bekämpfen, übernimmt die spezifische (erworbene) Immunabwehr. Diese richtet sich gezielt gegen den jeweiligen Erreger und leitet die passende Abwehrreaktion in die Wege. Da sie dafür aber zunächst erkennen muss, um welchen Erreger es sich handelt, benötigt sie für ihre Reaktion länger als die unspezifische Abwehr. Aber sie ist genauer und effektiver, kann sich Erreger merken und bei erneutem Kontakt noch besser und schneller reagieren. Das ist unter anderem der Grund für eine entstehende Immunität nach durchgemachter Erkrankung. Zur spezifischen Immunabwehr gehören T-Lymphozyten, B-Lymphozyten und Antikörper.

Allergie-Typen beim Hund

Allergologen unterscheiden die Allergietypen I – IV. Bei den Typen I-III handelt es sich um Allergien vom Soforttyp, d.h. Beschwerden sind unmittelbar nach Kontakt mit dem Allergen zu erwarten. Diese werden durch Immunglobuline (Ig) ausgelöst. Die unterschiedlichen Immunglobuline (Antikörper) werden durch Buchstaben gekennzeichnet (zum Beispiel IgG, IgE).

Allergie-Typ I
Die häufigste Allergie ist die vom Typ I. Hierzu zählen unter anderem Heuschnupfen, einige Nahrungsmittelallergien und allergisches Asthma. Bei diesem Typ spielen vor allem die IgE-Antikörper eine entscheidende Rolle, die bei Allergiepatienten in deutlich höherer Anzahl vorliegen als bei einem gesunden Organismus.

Allergie-Typ II
Beim Allergie-Typ II (auch zytotoxischer Typ) richtet sich die Immunreaktion nicht gegen das Allergen, sondern gegen körpereigene Zellen, an die sich bereits Allergene gebunden haben. Dieser Komplex aus Körperzelle und Allergen wird von IgG- und IgM-Antikörpern des Immunsystems aufgespürt, sogenannte Killerzellen werden aktiviert und zerstören den Komplex. Bis zum Auftreten von klinischen Symptomen vergehen nur Minuten bis höchstens wenige Stunden. Beispielhaft sind hier bestimmte Arzneimittel-Allergien sowie Bluttransfusionen zu nennen.

Haut-Allergietest beim Hund. (© Firn - istockphoto )

Allergie-Typ III
Unter dem Allergie-Typ III versteht man den Immunkomplex-Typ, bei dem sich durch Bindung der Allergene an Antikörper Immunkomplexe bilden (IgG, IgA und IgM). Daraufhin werden Leukozyten aktiviert, die die Komplexe wieder auflösen. Klinisch zeigen sich hier meist deutliche Symptome wie hohes Fieber, generalisierter Hautausschlag und Lymphknotenschwellung. Der Allergie-Typ III kommt eher selten vor und wird mit bestimmten Medikamenten und Insektengiften in Verbindung gebracht.

Allergie-Typ IV
Der Allergie-Typ IV unterscheidet sich von den übrigen vor allem durch die zeitliche Verzögerung zwischen Allergenkontakt und Auftreten der Beschwerden (Stunden bis Tage nach Kontakt). Er wird deshalb auch als Spättyp bezeichnet. Die Reaktion wird hier nicht von Antikörpern in die Wege geleitet. Stattdessen wird die Immunantwort durch eine zellvermittelte Reaktion ausgelöst, die von den T-Lymphozyten des Immunsystems gesteuert wird. Sie übernehmen im Körper eine Überwachungsfunktion, kontrollieren permanent das eventuelle Eindringen von Fremdmaterial in den Körper und speichern diese Information. Wird dann ein bereits gespeichertes Allergen von den T-Gedächtniszellen erneut im Blut erkannt, aktivieren sie das Immunsystem. Ein Beispiel für diesen Typ ist die Tierhaar-Allergie beim Menschen, eine Kontaktallergie.

Allergie – ein komplexes Geschehen

Allergie ist also nicht gleich Allergie. Flohspeichel, Chemikalien, Futterzusätze: Unabhängig von den Vorgängen im Körper ist es die größte Herausforderung, den oder die Auslöser zu identifizieren. Ist das gelungen, kann über das weitere Vorgehen entschieden werden. Manchmal gelingt es, den Kontakt mit dem Allergen zu vermeiden, indem zum Beispiel bestimmte Futtermittel weggelassen werden. Bei Umweltfaktoren wie Flohspeichel kann eine Desensibilisierung die Therapie der Wahl sein. Das muss im Einzelfall entschieden werden.

Manuela Bulian

Manuela Bulian ist seit 2009 Tierärztin und praktiziert in einer großen Kleintierpraxis in Nordrhein-Westphalen. Neben der allgemeinen Sprechstunde liegt ihr Schwerpunkt in der Weichteilchirurgie. Des Weiteren ist sie seit 2019 als freie Autorin tätig und schreibt in diesem Rahmen tiermedizinische Fachtexte und Präsentationen und hält Seminare rund um das Thema Tiermedizin. Privat lebt sie mit Mann und Kindern auf einem Hof, den die Familie mit ihren Ponys, Zwergziegen, Hunden und Katzen teilt.

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