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Hot Spots bei Hund und Katze

Hot Spots bei Hund und Katze © Patricia Lösche Hot Spots bei Hund und Katze

Finley sieht zerrupft aus und riecht unangenehm. Über der Lendenwirbelsäule hat er eine große Wunde, eitrig und nässend. Über Nacht ist der Handteller große Wund-Krater im langen und dichten schwarzen Fell des Collie-Mischlings entstanden. An einer Hinterpfote bearbeitet er eine ähnliche, aber etwas kleinere Hautverletzung. Patient Finley hat eine Pyotraumatische Dermatitis entwickelt, auch als Hot-Spot oder akute nässende Dermatitis bezeichnet.

Bei Katzen ist diese Hauterkrankung seltener anzutreffen, bei Hunden ist sie dagegen eine der häufigsten. Ursache ist exzessives Beknabbern und Belecken, Scheuern oder Kratzen von Hautpartien. Ohrenbasis, Hals und Gesicht, Schwanzansatz, seitliche Flanke und der Rumpf, manchmal auch die Pfoten sind Bereiche, an denen Hot Spots bevorzugt entstehen, weil sie mit der Zunge, den Zähnen und für die Krallen gut erreichbar sind.

Entstehung und Krankheitsbild

Durch die mechanische Bearbeitung wird zunächst das Fell geschädigt und fällt aus, die Haut rötet sich. Fortgesetzte Automutilation (Selbstverletzung) führt zu Erosionen, weil die obere Hautschicht (Epithel) regelrecht abgeschmirgelt wird. Durch den Speichel entsteht ein feucht-warmes Hautmilieu, besonders ausgeprägt in dichtem und langem Fell. Eigentlich harmlose Bakterien wie Staphylococcus intermedius, zu finden in jeder gesunden Hautflora, haben jetzt optimale Lebensbedingungen, vermehren sich und besiedeln die Wunde. Es kommt zur Eiterbildung, was der noch oberflächlichen Hautläsion ein glänzend-glattes Aussehen gibt. Wahrnehmbar ist auch der charakteristisch brandig-süßliche Geruch. In diesem Stadium ist weiterhin Juckreiz vorhanden und die Wunde wird bearbeitet.

Damit gehen die Erosionen tiefer und aus dem oberflächlichen wird ein tiefer Hot Spot. Der Bereich wird oft schmerzhaft und schwillt in schweren Fällen an der Peripherie sogar an, besonders bei Lokalisation im Beinbereich. Der Wundrand ist nicht mehr glatt, sondern eher krustig mit darin verklebtem Fell. Der Juckreiz nimmt ab und aufgrund der Schmerzhaftigkeit wird das Tier die Wunde weniger manipulieren. Jetzt sind tiefere Hautschichten und Haarwurzeln, eventuell sogar das umliegende Gewebe betroffen. Innerhalb kurzer Zeit ist so das Gesamtbild einer beeindruckenden Entzündungsreaktion entstanden, die sich von anderen Hauterkrankungen vor allem durch das recht klar begrenzte betroffene Areal  unterscheidet. 

Wundbehandlung bei erkrankten Vierbeinern

Zunächst braucht der Patient eine möglichst schnelle, fachgerechte Wundversorgung. Ist die Entzündung erst einmal in tiefere Hautschichten vorgedrungen, ist die Behandlung wesentlich schwieriger und es können dauerhafte Schäden an Gewebe und Haarwurzeln zurückbleiben.

Im Vordergrund steht die sehr konsequente Bekämpfung der Bakterien und die Austrocknung der Wunde. Salben oder Fette werden dazu auf keinen Fall verwendet. Sie verschlimmern die Situation, weil sie die Bakterien in der Wunde verschließen. Die direkte Umgebung wird geschoren und damit eine weitere Verklebung von Fell mit dem Wundareal vermieden. Im frühen Stadium reichen häufig Waschungen und Bäder mit antibakteriell und adstringierend, d.h. austrocknend wirkendem, gefiltertem Käuteraufguss oder Tinkturen. Ansonsten werden die üblichen Wund-Desinfektionsmittel verwendet. Handelt es sich bereits um einen tiefen Hot Spot, ist die Verwendung von Cortison kontraindiziert. Es schwächt die Immunabwehr und begünstigt darum das Bakterienwachstum. Eine spezifische Antibiose nach Antibiogramm kann jetzt sinnvoll sein. Sind die Bakterien bekämpft, kann beispielsweise eine hochprozentige Calendula Salbe oder Calendula-Tinktur den Heilungsprozess vorantreiben, ebenso Laser-Behandlungen.

Bei parasitärer Ursache wird den Plagegeistern der Kampf angesagt. Um den Patienten vor weiterer Selbstverletzung zu schützen, müssen gegebenenfalls kurzfristig Management-Maßnahmen ergriffen werden, die ihn daran hindern. Sind Verfilzungen im Fell, kleine Verletzungen oder eingedrungene Fremdkörper für das Entstehen eines Hot Spots verantwortlich, verschwinden diese, sobald die Wunde heilt, der Fremdkörper beseitigt und das Fell gepflegt ist. Bei anderen Auslösern stellt eine nicht nur auf die vordergründige Erkrankung fokussierte, sondern ganzheitliche Betrachtung immer die Frage nach dem Entstehungs-Hintergrund.

Parasiten im Fell häufigste Auslöser

Seltener ist eine Futtermittel- oder Kontakt-Allergie der Auslöser. Wesentlich häufiger beginnt es mit durch Ektoparasiten ausgelöstem Juckreiz, der sich aufgrund der Manipulation des Hundes oder der Katze im betroffenen Bereich noch verstärkt. An erster Stelle steht der Flohbefall (Ctenocephalides canis,Ctenocephalides felis), und die lokale Traumatisierung der Haut ist Folge des primären Juckreizes oder verursacht durch eine Flohbissallergie. Parasiten wie Läuse (Linognathus setosus) und Haarlinge (Trichodectes canis; Felicola subrostratus) kommen ebenfalls als Auslöser in Frage und sind diagnostisch leicht auszumachen.

Flohbefall ist gut erkennbar durch sichtbare Tiere oder durch Herauskämmen von Flohkot, schwarzen Krümelchen, die auf einem feuchten Papiertuch einen bräunlich-roten Hof bilden. Ein Befall mit Läusen zeigt sich an kleinen, weißen, fest an den Haaren sitzenden Nissen. Sie sind – wie beim Menschen – hoch ansteckend, aber wirtspezifisch, also nicht von einer auf eine andere Tierart übertragbar.

Scabies (Räude), verursacht durch Sarcoptes-Milben oder Cheyletiellose, eine ebenfalls durch Milbenbefall  (Cheyletiella) verursachte Parasitose, gehen einher mit ausgeprägtem Juckreiz und können zur Entstehung von Hot Spots führen. Otitis externa (Entzündung des äußeren Ohres), bakterielle oder durch Pilzbefall hervorgerufene Follikulitis (Haarbalgentzündung) kommen ebenfalls als Auslöser für die Automutilation in Frage.

Folgen einer Abwehrschwäche

Häufige und ausgeprägte Parasitosen, Milben- und Pilzbefall können Indikatoren sein für eine bestehende Abwehrschwäche. Das kann verschiedene Ursachen haben. Wie beim Menschen, gibt es auch unter den Tieren Individuen mit angeborener Immunschwäche. Werden Welpen zu früh der Mutter weggenommen - bei zweifelhaften Tiervermehrungen ist  das die  Regel - leiden sie oft lebenslang an einem schwächelnden Immunsystem. Vielleicht hat es vorher umwälzende Veränderungen gegeben, einen Umzug, Besitzerwechsel, Tierheimaufenthalt, ein Baby oder ein neuer Artgenosse ist eingezogen. Alles Situationen, die stark stressbetont sein können und sich dann negativ auf das Immunsystem auswirken. Wie belastet das Tier ist, lässt sich für Ungeübte nicht immer leicht erkennen. Selbst ein ruhig wirkender Hund, eine schläfrig wirkende Katze können stark unter Stress stehen. Immunsuppressiv wirken auch einige schwere akute und chronische Grunderkrankungen und Medikamente.

Die Naturheilkunde verfügt über ein umfangreiches Repertoire an Möglichkeiten zur konstitutionellen Stabilisierung und Stärkung der körpereigenen Abwehr. Vor allem Akupunktur, Homöopathie oder die Verwendung von Heilkräutern wären hier zu nennen. Ein gestärktes Immunsystem ist wesentlich erfolgreicher darin, mit den Lästlingen selbst, vor allem aber mit den Folgen der Infestation (bei Parasiten spricht man nicht von Infektion) fertig zu werden. Das erleichtert die Parasitenkontrolle und minimiert das Risiko der Entstehung von Hot Spots.

Neurologische Ursachen für Hot Spots

Weniger offensichtlich als Ursache zu erkennen sind neurologische Störungen, eine verminderte Durchblutung und Schmerzzustände in Folge von stumpfen Traumata oder Erkrankungen des Bewegungsapparates. Sowohl eine gestörte Blutversorgung, als auch neurologische Probleme rufen häufig sensorisches Missempfinden hervor, möglicherweise vergleichbar mit dem Kribbeln in einem eingeschlafenen Bein oder Arm. Zugrunde liegen können ein unerkannter Bandscheibenvorfall und andere Verletzungen im Bereich der Wirbelsäule, die Hund oder seltener Katze dann veranlassen, lokal fokussiert einen Hot Spot zu provozieren. Bei Tieren mit angeborenem oder erworbenem sehr kurzen Stummelschwanz oder fehlender Rute ist das geschädigte Neuralrohr als Ursache in Betracht zu ziehen.

Nervenschäden sind auch der Grund für die im Zusammenhang mit dem Cauda equina Kompressions Syndrom (CECS) auftretenden Symptome. Betroffen sind die im hinteren Teil der Wirbelsäule austretenden Nerven. Die Erkrankung kann bestenfalls im Fortschreiten verlangsamt, aber nicht geheilt werden. Sie trifft vorwiegend ältere Hunde, die zunehmend mehr oder weniger ausgeprägte Lähmungserscheinungen mit Auffälligkeiten im Gangbild zeigen. Hinzu kommen internistische Probleme. Ein Hot Spot im Bereich der hinteren Wirbelsäule und Pfoten, der keiner anderen Ursache zuzuordnen ist, kann ein erster Hinweis sein, noch bevor andere Symptome klinisch auffällig sind.

Als Auslöser in Frage kommen auch Schmerzzustände aufgrund bereits genannter Erkrankungen oder aufgrund arthrotischer Veränderungen der Gelenke, die meist  gut auf naturheilkundliche Therapien ansprechen. Arthrose ist nicht heilbar. Aber der Schmerz ist behandelbar. Ist der Schmerz weg, entfällt die Motivation für den Hot Spot.

Leckzwang als Verhaltensstörung

Tiere, die starkem psychischem Stress ausgesetzt sind, unter Unruhe und Langeweile leiden, können Putz- und Leckzwang als psychische Störung entwickeln. Bevorzugte Stellen sind dann prädestiniert für die Entstehung von Hot Spots. Meist sind es die Vorderbeine, bei Katzen auch gerne Bauch, Flanken und Hinterpfoten.

Wie bei einer physisch bedingten pyotraumatischen Dermatitis sind bei psychischen Ursachen die Hintergründe zu erforschen, damit Rückfälle nach erfolgreicher Behandlung der Entzündung vermieden werden. Langerweile begegnet man am besten durch Beschäftigung und Auslastung. Bei stressbedingt entstandenem Hot Spot sind es nicht immer nur Belastungen, die direkt mit dem Tier zu tun haben. Manchmal sind es Stressbelastungen des Besitzers, die sich auf Tiere übertragen, besonders dann, wenn der Kontakt sehr eng und die Tiere sehr sensibel sind.

Ist ausgeprägtes Putzen und Belecken bereits zur richtigen Verhaltensstörung geworden, sollte zur  Ursachenbekämpfung ein  ausgebildeter Verhaltenstherapeut hinzugezogen werden. Gegebenenfalls kann eine begleitende, psychisch stabilisierende Phytotherapie (Behandlung mit Heilpflanzen) durch einen fachkompetenten Tierheilpraktiker eine Verhaltenskorrektur vorübergehend erleichtern oder notwendig sein, bis der Vierbeiner durch die verhaltenstherapeutischen Maßnahmen die Störung überwunden hat. Für die eher futterkritischen Katzen ist das weniger geeignet, hier kann eine Unterstützung mit Homöopathie oder Bachblüten versucht werden. Gut geeignet ist die Phytotherapie für Hunde. Von einer Selbstmedikation ist in beiden Fällen abzuraten.

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. Seit 2014 schreibt sie für ATM und ATN Blogbeiträge, ist Autorin von Skripten und betreut als Tutorin die Studierende unterschiedlicher Fachbereiche. In die Wissensvermittlung fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und 1.Vorsitzende im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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