Fachartikel

Corona und andere Viren: Hilfe durch die Zistrose?

Corona und andere Viren: Hilfe durch die Zistrose? Wikipedia Corona und andere Viren: Hilfe durch die Zistrose?

Ist die Zistrose ein Hoffnungsschimmer für die Bekämpfung auch neuer Viren? Die COVID-19-Pandemie hat ein neues Kapitel der Viruserkrankungen aufgeschlagen, und die Welt sucht nach einem Mittel, das die Ausbreitung von SARS-CoV-2 verhindern kann. Aber es geht nicht nur darum. Immer wieder fordern neuartige Viren die Medizin heraus.

Grundsätzlich wird dringend ein Mittel gebraucht und gesucht, das virale Infekte verhindern oder zumindest bremsen hilft, und das die Schwere der Symptome verringert, ohne dabei Resistenzen zu provozieren. Nicht nur gegen SARS-CoV-2, gegen das weltweit medizinische Labore mit Hochdruck an der Entwicklung eines Impfstoffes arbeiten. Eine schnelle Lösung kann es dafür schon allein wegen der gesetzlichen Zulassungsbestimmungen nicht geben. Die Bekämpfung von Virusinfektionen steht zudem vor dem Problem der raschen Veränderbarkeit von Viren. Impfungen helfen immer nur gegen bereits bekannte Stämme, nicht gegen solche, die sich schon wieder verändert und Resistenzen entwickelt haben. Aber es gibt eine Pflanze, die das Problem nicht über Immunreaktion, sondern mechanisch löst.

Zistrose: Effektive Virusbekämpfung

Manche Pflanzen haben im Laufe der Evolution hochpotente Gegenmittel zur Abwehr von Virusangriffen entwickelt. Dazu gehört auch die kretische Zistrose (Cistus incanus syn. Cistus creticus), ein Strauch von etwa einem Meter Höhe, dessen hübsche, vier bis sechs Zentimeter große Blüten an ungefüllte Rosenblüten erinnern. Daher der deutsche Name.

Sie ist keine große Unbekannte. Die Heilwirkung dieses Phytotherapeutikums ist lange aktenkundig. Naturheilkundlich ist die Verwendung als Tee bei Durchfallerkrankungen gebräuchlich, bei der die adstringierende Wirkung der in den Blättern enthaltenen Gerbstoffe (Polyphenole) genutzt wird. Die antivirale Wirkung wurde in den letzten Jahren durch Studien bestätigt.

Unterschied Virus und Bakterium
Viren sind Krankheitserreger (Singular: das Virus, der Virus wird umgangssprachlich benutzt, sitzt aber eigentlich im Computer). Es sind zwar organische Strukturen, aber keine Lebewesen, denn sie verfügen über keinen eigenen Stoffwechsel, sondern nur über ihre RNA. Das ist die Erbinformation des Virus, so wie bei uns die DNA. Sie enthalten das Programm für die Vermehrung des Virus in einer geeigneten Umgebung: Körperzellen. Erst wenn sich das Virus in die Zellen eines lebendigen Organismus eingeschleusst haben, können sie sich vermehren und ihr Unheil anrichten. Weil Viren keine Lebewesen sind, können sie nicht durch Antibiotika und antibakterielle Desinfektionsmaßnahmen bekämpft werden, sondern nur durch antiviral wirksame Mittel.

Bakterien sind einzellige, teils infektiöse, teils nicht infektiöse oder sogar lebensnotwendige einzellige Lebewesen mit einem eigenen Stoffwechsel. Über einen Zellkern verfügen sie nicht, aber ihre DNA liegt auch nicht ganz frei im Innern des Bakteriums, sondern in einem umgrenzten Bereich, der als Nukleotid bezeichnet wird. Für eine Vermehrung brauchen sie ein für die jeweilige Art geeignetes Medium, aber keine Wirtszelle. Es gibt sie in großer Vielfalt in allen Lebensräumen innerhalb und außerhalb von höheren Organismen. Bakterielle Infektionen werden medizinisch durch Antibiotika und antibakteriell wirksame Desinfektionsmittel bekämpft.

Cistus incanus wirkt mechanisch gegen Viren

Die Wirkung des Extraktes CYSTUS052® (ein in Deutschland entwickeltes Produkt) gegen Influenza-A-Viren wurde 2007 (Ehrhardt, et al.) beschrieben. Hingewiesen wurde in der Studie auch bereits auf die allgemein virustatische Wirkung des Extraktes. Stephan Ludwig (Ludwig, 2012), der auch an der Studie von 2007 beteiligt war, misst dem Cistus-Extrakt vor allem in der Frühphase der Erkrankung eine Bedeutung zu, weil es die Vermehrung des Virus im Körper blockiert: „Die Viren werden durch eine nichtpharmakologische Wechselwirkung mit den Extraktbestandteilen am Eindringen in die Wirtszelle gehindert.“

Was bedeutet nichtpharmakologisch? Die antivirale Wirkung von Cistus beruht nicht auf einer chemisch-metabolischen Reaktion, sondern auf einer mechanischen Hemmung der Bindungsfähigkeit von Viren an Wirtszellen, die auch in einer weiteren, 2016 veröffentlichten Studie beschrieben wird (Rebensburg, et al., 2016). Cistus hängt gewissermaßen ein „Betreten verboten“-Schild an die Wirtszellen und versperrt den Viren den Weg nach innen, indem es unter anderem die Bindungsmöglichkeit der Viren an Zelloberflächen verhindert. Sie können nicht mehr in die Zelle eindringen und die Vermehrung der Viren wird dadurch blockiert.

Wirksam gegen HIV und Influenza

Das Team um Stephanie Rebensburg untersuchte die Wirkung unterschiedlicher Cistus-Zubereitungen auf das HIV-Virus (Rebensburg, et al., 2016). Verwendet wurden HIV-1, HIV-2 und multiresistente Virenstämme. Die Versuche wurden nicht an lebenden Organismen, sondern in vitro, d.h. im Reagenzglas durchgeführt. Die Wissenschaftler konnten durch ihre Untersuchungen nachweisen, dass Cistus-Extrakte in unterschiedlichen Zubereitungen hochwirksam sind gegen die getesteten Viren.

Cistus-Extrakt enthält eine Komposition mehrerer antiviral wirksamer Bestandteile, gegen die Viren offenbar keine Resistenzen entwickeln. Selbst nach 24 Wochen Dauerexposition von Viren konnten Rebensburg et al. keine nachweisen. Weitere Versuche mit sogenannten pseudotypisierten Viren zeigten darüber hinaus zusätzliche vielversprechende antivirale Wirkungen. Pseudotypisierte Viren sind Viren, denen eine andere Oberfläche gegeben wird, deren RNA aber nicht der Oberfläche entspricht. Man kann sich das vorstellen als eine Art künstliche Mimikry für Viren. Für ihre Tests verwendeten Rebensburg et al. auf diese Weise als Ebola- und Marburg-Virus „verkleidete“ Viren, beide ebenfalls Erreger von schweren Viruserkrankungen mit einer sehr hohen Sterblichkeitsrate. Auch hier verhinderte das Extrakt von Cistus eine Infektion. Die Forscher resümmierten: “Diese Ergebnisse zeigen, dass Cistus-Extrakt eine große und breite Wirkung gegen virale Erreger neuer und lebensbedrohlicher Erkrankungen hat, jedenfalls in vitro.“

Natürlich sind in vitro erzielte Ergebnisse nicht unbedingt auf die Wirksamkeit in lebendigen Organismen übertragbar. Aber die antivirale Wirkung von Cistus gegen Influenza-Viren wurde auch in Tierversuchen nachgewiesen (Ludwig, 2012). Da es sich um eine mechanische Sperre gegen das Eindringen der Viren handelt, die offenbar gegen ganz unterschiedliche Viren wirksam ist, wäre der Einsatz bei dem Erreger von COVID-19 und anderen Coronaviren immerhin einen Versuch wert.

Literaturverzeichnis:

Ehrhardt, C., et al. 2007. A polyphenol rich plant extract, CYSTUS052, exerts anti influenza virus activity in cell culture without toxic side effects or the tendency to induce viral resistance. 2007, Bd. 76, 1, S. 38-47. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17572513 (paywall)

Ludwig, Stephan. 2012. Der Pflanzenextrakt Cystus052 blockiert Grippeviren. Phytotherapie. 2012, Bd. 33, 1, S. 14-16. https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0031-1286041 (paywall)

Rebensburg, Stephanie, et al. 2016. Potent in vitro antiviral activity of Cistus incanus extract against HIV and Filoviruses targets viral envelope proteins. Scientific Reports. 2016, Bd. 6, 2. https://www.nature.com/articles/srep20394 open access

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. Seit 2014 schreibt sie für ATM und ATN Blogbeiträge, ist Autorin von Skripten und betreut als Tutorin die Studierende unterschiedlicher Fachbereiche. In die Wissensvermittlung fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und 1.Vorsitzende im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

Mehr in dieser Kategorie: « Coronavirus und Haustiere

ATM Online Magazin

Soziale Netzwerke