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Fit mit Physio: Hunde-Senioren beweglich halten

Fit mit Physiotherapie: So bleiben Hunde-Senioren beweglich Patricia Lösche Fit mit Physiotherapie: So bleiben Hunde-Senioren beweglich

Tierphysiotherapie kann Hunde-Senioren das Leben erheblich erleichtern. Mit zunehmendem Alter werden Hunde ruhiger, liegen häufiger, schlafen mehr. Sie überlegen länger, ob sich das Aufstehen wirklich lohnt, und wenn, dann geht es etwas langsamer vonstatten. Die Spaziergänge werden kürzer, der Galopp seltener, das Spielen statischer. Mit der Aktivität schwinden Kondition und Muskeln, die Gelenke werden weniger bewegt, was sie nach und nach steifer macht. Es ist ein schleichender Prozess, der einsetzt, lange bevor wir es bewusst wahrnehmen. Physiotherapeutische Übungen können den Prozess deutlich verlangsamen und den Hund motiviert und fit durchs Rentnerdasein führen.

Wann es beginnt, das Altwerden, hängt von der Größe und der individuellen genetischen Ausstattung des jeweiligen Hundes ab. Große Hunde altern schneller als kleine. Lebensbedingungen wie Fütterung, Haltung und Psyche spielen ebenfalls eine Rolle. Auch wenn es uns nicht gefällt, älter werden ist ein normaler biologischer Vorgang, der – so banal es klingt - mit der Geburt beginnt. Es ist keine Krankheit. Es ist weder aufzuhalten, noch zu therapieren. Allerdings können physiotherapeutische Übungen Hunden das Seniorenleben selbst in hohem Alter noch erleichtern, wenn es der allgemeine Gesundheitszustand erlaubt.

  • Übung: Streckung der Halswirbelsäule.
  • Durchführung: Sanft unter das Kinn und im Nacken fassen und den Kopf langsam und vorsichtig gerade nach hinten in die Streckung führen.
  • Beachten: Griff im Nacken ohne großen Druck. Er ist nur das Widerlager für die Durchführung der Streckung.

Nebenwirkung ohne Risiko: Lebensfreude durch Zuwendung

Unser Fotomodell, die freundliche Foxhound-Rentnerin Dante, macht die Übungen zum ersten Mal. Sie hat ein anstrengendes Berufsleben als Mitglied der Niedersachsenmeute hinter sich, das deutliche Spuren hinterlassen hat. Unter Aufsicht der behandelnden Tierphysiotherapeutin Simone Jahns stellte sie sich zusammen mit Besitzerin und angehender Tierphysiotherapeutin Cathrin Syassen freudig den Aufgaben.

Natürlich wurde die 10-jährige Hündin dabei durch großzügig gewährte Belohnungen motiviert. Schließlich geht es auch um Zuwendung und Lebensfreude, einen der wichtigsten Gesunderhalter überhaupt. „Als Leckerchen eignet sich gut ein Teil der täglichen Trockenfutter-Ration“, empfiehlt die Physiotherapeutin. Auf jeden Fall sind die Belohnungen unbedingt in die Tagesration einzurechnen, damit der Hund nicht zunimmt.

Alltagstaugliche Übungen

Alle Übungen sind gut nebenbei in den Alltag zu integrieren. Deshalb haben wir bewusst auf besondere Gerätschaften verzichtet, sondern einfache Hilfsmittel verwendet, die in jedem Haushalt oder Garten zu finden sind: Besenstiele und Hocker. Für die Fotos haben wir einen Reitplatz als „Tatort“ gewählt. Aber fast alle Übungen sind problemlos ins heimische Wohnzimmer zu verlegen.

Selbst unterwegs lässt sich mit ein paar Ästen, die auch an einen Baumstumpf gelehnt werden können, schnell ein kleiner Trainingsparcours improvisieren. Ein Gang durch unwegsames Gelände, über Unebenheiten oder Hügel hinauf oder hinunter laufen, das Durchstreifen von hohem Wiesengras machen jedem Hund Spaß. (Aber bitte nicht im Frühjahr, wenn Wildtiere ihre Jungen großziehen). Nebenbei fördert es sowohl die Beweglichkeit, als auch Konzentration und Koordinationsvermögen des Hundes.

"Ganz gleich, wo geübt wird, wichtig ist vorheriges Aufwärmen", betont Simone Jahns. "Trainiert wird am besten unterwegs oder im Anschluss an die Gassirunde, dann ist die Muskulatur gelockert und gut durchblutet." Es gehe auch nicht darum, den Hund täglich mit dem vollen Fitness-Programm zu überfordern, betont die Physiotherapeutin. "Drei Mal in der Woche reicht völlig aus. Am sinnvollsten ist es, über den Tag verteilt spielerisch immer mal wieder eine der Übungen zu machen."

  • Übung: Beugung der Halswirbelsäule.
  • Durchführung: Mit einem Leckerli den Kopf eng und gerade an die Brust und zur Seite führen.
  • Beachten: Übung im Sitzen.

Gehirn turnt mit

Physiotherapeutische Übungen halten nicht nur den Hundekörper fit. Ebenso profitiert das Gehirn von einer verbesserten Durchblutung und geistiger Anregung. Für den physiotherapeutischen Nutzen ist es wichtig, den Hund angeleint in ruhigem Tempo zu führen. Die gezeigten Übungen:

  • verbessern die Koordination
  • fördern den Muskelerhalt und -aufbau
  • verbessern die Durchblutung
  • steigern die Ausdauer
  • fördern die Körperwahrnehmung
  • verbessern den Gehorsam
  • steigern das allgemeine Wohlbefinden
  • festigen die Bindung zwischen Mensch und Hund

Grundsätzliche Kontraindikationen gibt es nicht. Leidet der Hund unter chronischen Erkrankungen oder wurde er operiert, sollten eventuelle Einschränkungen vorher durch Rücksprache mit dem behandelnden Therapeuten abgeklärt werden. Immer soll das Training positiv besetzt sein und nicht in "Arbeit" ausarten. Großzügigkeit beim Verteilen von Streicheleinheiten, Lob und Leckerli ist darum ausdrücklich erwünscht.

  • Übung: Rotation, Beugung und Streckung der Halswirbelsäule, Dehnung der Brust- und Rückenmuskulatur.
  • Durchführung: Hund ins Sitz bringen und mit einem Leckerli in die gewünschte Haltung bringen.
  • Beachten: Die Vorderpfoten sollen auf dem Boden stehen. Leckerli einige Sekunden vorenthalten, bevor es zur Belohnung gefüttert wird. Die Übung kann auch im Stand gemacht werden.

  • Übung: Verstärktes Beugen und Strecken der Gelenke, Muskeltraining.
  • Durchführung: Besenstiele, Äste oder Stangen in einem für den Hund passenden Abstand auf den Boden legen und mehrfach darüber laufen.
  • Beachten: Die Stangen können gerade hintereinander und im Kreis flach auf dem Boden oder etwas erhöht aufgebaut werden. Auch als kleine Sprünge. Langsames Gehen fördert den Muskelaufbau, ein leichter Trab zusätzlich die Koordination. Legt man die Stangen wie Mikadostäbe durcheinander, fördert die Übung vor allem die Koordination.

  • Übung: Beugung und Streckung der Vorderbeine.
  • Durchführung: Für die Streckung wie auf den Fotos mit einer Hand das Schultergelenk umfassen und unterhalb der Elle mit der anderen Hand sanft nach vorn führen. Für die Beugung ebenfalls das Schultergelenk umfassen und mit der anderen wie auf den Fotos das Karpalgelenk (entspricht unserem Handgelenk) beugen und das Bein sanft nach oben führen.
  • Beachten: Die Übungen langsam und mehrfach hintereinander machen. Sie kann im Sitz oder im Liegen durchgeführt werden.

  • Übung: Die "Schubkarre" trainiert die Vorderbein-Muskulatur, die Körperwahrnehmung und das Koordinationsvermögen.
  • Durchführung: Entweder wie auf dem Bild mit den Händen unterhalb des Knies das Bein umfassen oder im Flankenbereich sanft unter den Bauch fassen und die Hinterhand anheben.
  • Beachten: Langsam beginnen, damit der Hund keine Angst bekommt. Zunächst nur stehen, mit der Gewöhnung langsam nach vorne laufen lassen.

  • Übung: Laufen auf verschiedenen Untergründen fördert die Körperwahrnehmung. Auf tieferen Untergründen, wie hier im Sand, kräftigt es die Muskulatur.
  • Beachten: Der Hund ist dabei an der Leine zu führen, damit die Bewegung gerichtet ausgeführt wird.

  • Übung: Dehnung und Kräftigung von Bauch- und Rückenmuskulatur sowie Förderung der Beweglichkeit mit Unterstützung am Menschen.
  • Durchführung: Den Hund mit einem Leckerli in Positionen wie auf den Fotos führen.
  • Beachten: Den Hund vor dem Belohnen in der entsprechenden Position etwas verharren lassen.

  • Übung: Slalom zwischen den Beinen.
  • Durchführung: Mit einem Leckerli in Achten um die Beine herumführen. Die wechselnde seitliche Beugung macht den Rücken flexibel und lockert die Muskulatur, die Beine werden wechselseitig belastet. Die Beine ungefähr so weit auseinander stellen, wie der Hund lang ist. Eine andere Variante ist das enge Umkreisen von einem Bein, sowohl rechts- als auch linksherum.
  • Beachten: Der Hund muss dabei langsam gehen.

Es kann nicht genug betont werden: Altern ist keine Krankheit. Auch ein älterer Hund sollte gefordert und gefördert werden, so lange es geht. So bleiben Lebensfreude und Lebensqualität bis ins hohe Alter erhalten. Die auf diese Art gemeinsam verbrachte Zeit ist echte Qualitätszeit. Und als Besitzer wird man gleich ein wenig mit trainiert.

Alle Fotos: Patricia Lösche

Die Übungen wurden zusammengestellt von Simone Jahns, Ratzeburg

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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