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Sylvester mit Hunden: Wenn Böller wehtun

Silvester mit  Hunden: Grundlos starkes Hecheln kann Angst bedingt sein Foto: Lösche Silvester mit Hunden: Grundlos starkes Hecheln kann Angst bedingt sein

Silvester naht, Zeit der Böller und Raketen. Für die meisten Hunde ist das verbunden mit mehr oder weniger ausgeprägtem Angstverhalten, das in ihrer Geräuschempfindlichkeit wurzelt. Abgesehen vom psychischen Stress kann der mit den Knallgeräuschen verbundene Schreck beim Hund aber auch starke physische Schmerzen verursachen und dadurch die Angst an Silvester noch verstärken.

Nach Weihnachten beginnt für Hund, Katze und andere Tiere die schlimmste Zeit des Jahres. Denn dann startet der Verkauf von Böllern, die jedes Jahr lauter und heftiger krachen. Ein Desaster für Haus- und Wildtiere mit ihrem so viel feineren Gehör. Wenn es plötzlich knallt und zischt, scheppert und pfeift, reagiert der Körper mit erhöhter Anspannung, dem Schreck, der uns in die Glieder fährt. Ein uraltes genetisches Erbe, das Mensch und Tier in sich tragen, weil natürliche Quellen für solche Geräusche immer potentiell gefährlich sind, sodass spontane Fluchtbereitschaft überlebensnotwendig sein kann. Der Schreck sorgt dafür, dass dazu sekundenschnell alle verfügbaren Kraftreserven zur Verfügung stehen. Der Fachbegriff dafür ist Fight-or-Flight-Reaktion.

Schmerzen verstärken Geräuschsensibilität

Ginge es nach unseren Hunden, würden sie alle Jahre wieder das Weite suchen, um sich an Silvester irgendwo in Sicherheit bringen. Das steht ihnen jedoch nicht frei. Während draußen ein immer größer werdendes Geräuschinferno wütet, das am letzten Tag des Jahres um 24 Uhr vor allem in Städten aus Hundeperspektive, oder besser: allgemein aus Tierperspektive zum akustischen Weltuntergang anschwillt, sind unsere Fellnasen eingesperrt und fürchten sich. Manche jaulend, bellend und um sich schnappend, andere zitternd und still in einer Ecke oder unterm Tisch kauernd, eingerollt und den Kopf versteckt im Fell, nur scheinbar schlafend und unbeeindruckt vom Silvestergeknalle. Je empfindlicher sie sind, um so stärker fürchten sie sich, und je stärker sie sich fürchten, desto stärker ist die Anspannung und Verkrampfung.

Symptomatisches Verhalten von Hunden bei Geräuschangst kann sein:

  • Starkes Hecheln
  • Verstärkte Atmung
  • Zittern
  • Verstecken
  • Unruhe
  • Fluchtversuche
  • Zerstörungswut
  • Selbstverletzung
  • Beißen
  • Futterverweigerung
  • Durchfall
  • Anhaltendes hochfrequentes Bellen

Silvesterböllerei ist für gesunde Tiere schon belastend genug. Doppelt schlimm für alle, die unter Erkrankungen des Bewegungsapparates leiden: Arthrosen, Arthritis, Muskelentzündungen, frische Operationswunden, Muskelverletzungen, Bandscheibenvorfälle, Skoliose, Hüftgelenksdysplasie, Ellenbogendysplasie, Knochenbrüche, Prellungen, Kiefererkrankungen und andere. Schon unter normalen Bedingungen verursachen sie Schmerzen, und Schmerz an sich sorgt schon für Verkrampfungen der Muskulatur. Nicht selten ist das die eigentliche Ursache für den Schmerz, und wer schon mal „Rücken“ hatte, weiß, wie weh Muskelverkrampfungen tun können.

Sylvester-Schmerz: Bei Hunden mit Skelett-Fehlbildungen sind Schmerzen immer wahrscheinlich (Foto: Lösche) Silvester-Schmerz: Bei Hunden mit Skelett-Fehlbildungen sind Schmerzen immer wahrscheinlich ( Lösche)

Dass es einen Zusammenhang zwischen Geräuschempfindlichkeit und Schmerz gibt, ist bekannt. Dabei handelt es sich oft um eine sich zunehmend verstärkende Konditionierung. Leidet beispielsweise ein Hund unter einer schmerzhaften Wirbelsäulenerkrankung und erschrickt sich bei lautem Geräusch, dann verstärkt sich der Schmerz durch die schreckbedingte erhöhte Muskelspannung. Für den Hund stehen akuter Schmerz und lautes Geräusch künftig in Zusammenhang. Jeder neue Geräusche-Schreck verstärkt den Schmerz wie eine anonyme Bestrafung. Nicht der Schreck wird als Ursache gesehen, sondern das laute Geräusch, was wiederrum die Sensitivität des Tieres für laute Geräusche und die Angst davor verstärkt. Eine Art Perpetuum mobile des Schmerzgeschehens.

Schmerzbedingte Geräuschempfindlichkeit bei älteren Hunden

Wissenschaftler der Universität Lincoln untersuchten den Zusammenhang zwischen Geräuschempfindlichkeit und Schmerz 2018 bei Hunden. Sie kamen zu dem Schluss, dass zunehmende Geräuschempfindlichkeit auch einen möglichen Rückschluss auf unerkannte Schmerzzustände zulassen kann, vor allem, wenn sie bei älteren Hunden auftritt. Während eine im Wesen des Hundes begründete Geräuschempfindlichkeit und -phobie bereits bei jungen Hunden auftritt, wird eine schmerzbedingt wachsende Geräuschangst eher bei Hunden ab dem 4. Lebensjahr beobachtet. Zudem ist das gezeigte Verhalten variabler als bei einer rein psychisch begründeten Geräuschangst.

Wenn der Hund zunehmend ängstlich auf laute Geräusche reagiert, sollte er also auf verborgene Schmerzen hin untersucht werden. In jedem Fall ist es gut, wenn Besitzer von Hunden mit Geräuschangst, gleich welche Ursache dahintersteckt, ihrem Hund das Leben dadurch erleichtern, dass sie der Silvesterknallerei soweit es geht ausweichen. Wie wäre es mit einem Mitternachtsspaziergang im Wald, am Strand, in den Bergen oder irgendwo in ländlicher Stille, vielleicht sogar zusammen mit anderen Hundemenschen. Das neue Jahr lässt sich auch so stimmungsvoll begrüßen.

Übrigens: Papst Silvester I., nach dem der Tag benannt ist, ist auch Schutzpatron der Haustiere. 

Quelle:

Fagundes/Hewison/McPeake/Zulch/Mills: Noise Sensitivities in Dogs: An Exploration of Signs in Dogs with and without Musculoskeletal Pain Using Qualitative Content Analysis (Frontiers in Veterinary Science, 13.Februar 2018)
Frontiers in Veterinary Science

Patricia Lösche

Patricia Lösche ist freie Autorin, Text- und Bild-Journalistin. Der Dolmetscher-Ausbildung folgten Biologie- und Journalistik-Studium, freier und redaktioneller Journalismus für verschiedene große Verlage. Später dann die Ausbildung zur Tierheilpraktikerin an der ATM und die Tierpsychologie-Ausbildung an der ATN. Empathie, Achtung und Verständnis auf Augenhöhe im Umgang mit Tieren sind Patricia Lösche ein besonderes Anliegen. In die Wissensvermittlung als Fachjournalistin und als freie Mitarbeiterin der ATM und ATN fließen mehrjährige Praxis-Erfahrungen aus der naturheilkundlichen Behandlung von Pferden, Hunden und Katzen ebenso ein, wie die jahrzehntelange Erfahrung eigener Tierhaltung. Sie ist Mitglied im Fachverband niedergelassener Tierheilpraktiker (FNT) und im Berufsverband der Tierverhaltensberater und –trainer (VdTT).

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