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Geräuschangst bei Hunden

Geräuschangst bei Hunden Daniela - stock.adobe.com Geräuschangst bei Hunden

Alle Jahre wieder – nein, nicht Weihnachten, sondern Silvester. Es ist die Zeit, in der geräuschsensible Hunde besonders leiden. Das Zischen und Knallen von Feuerwerkskörpern, das altes und neues Jahr voneinander trennt, wird zur Zitterpartie für betroffene Hunde und ihre Besitzer, sobald der Verkauf von Feuerwerkskörpern beginnt. Um der Geräuschangst auf die Spur zu kommen, wurden im Rahmen einer Online-Befragung der HundeUni Bern die Besitzer von 1225 Hunden zum Thema Geräuschangst bei ihren Hunden befragt. Den Angaben zufolge zeigten 52 Prozent der Hunde zu Silvester ein ängstliches Verhalten.

Die meisten Hunde kehren zum Normalverhalten zurück, sobald das Feuerwerk beendet ist. Ihnen ist schon am nächsten Morgen nichts mehr anzumerken. Das trifft auf drei Viertel aller betroffenen Hunde zu. Aber bei zehn Prozent normalisiert sich das Verhalten erst 24 Stunden später wieder, und zwölf Prozent brauchten dafür die ganze erste Januarwoche. Bei etwa drei Prozent der Hunde dauert es etliche Wochen oder sogar Monate, bis sie sich von dem Schreckerlebnis erholt haben. Hochgerechnet auf die rund 12 Millionen Hunde in Deutschland sprechen wir hier von etwa sechs Millionen geräuschempfindlichen Hunden, von denen sich nach Silvester 720.000 nur langsam und 180.000 nur schwer erholen.

Warum aber reagieren viele Hunde so empfindlich auf das Feuerwerk zum Jahreswechsel? Den wenigsten von ihnen ist dadurch jemals etwas passiert. Die Antwort liegt in der Evolutionsgeschichte: Angstauslöser sind oft Gefahrenquellen, und Angst ist eine Emotion die hilft, Gefahren zu vermeiden. Laute, plötzlich auftretende Geräusche lösen Angst aus, weil sie häufig mit drohender Gefahr verbunden sind. Vermeidung oder gar Flucht war deshalb im Laufe der Evolution eine sinnvolle Verhaltensantwort.

Hunde ohne Geräuschangst können auch an Silvester einfach entspannte Couch Potatoes seinHunde ohne Geräuschangst können auch an Silvester einfach entspannte Couch Potatoes sein (© Patricia Lösche)

Geräuschangst war einst ein Fortpflanzungsvorteil. Tiere, die ängstlich auf laute und plötzlich auftretende Reize reagierten, gerieten seltener in Gefahr, hatten dadurch bessere Überlebenschancen, konnten sich erfolgreicher vermehren und gaben dadurch die entsprechenden Gene häufiger weiter, als ihre weniger ängstlichen Artgenossen. Vielen Tieren ist die Tendenz zur Angst vor lauten Geräuschen daher angeboren.

Gene und Umwelt-Einflüsse begünstigen Geräuschangst

Tatsächlich kann die Angst vor Feuerwerk bei 45 Prozent der betroffenen Hunde bereits im ersten Lebensjahr beobachtet werden. Am zweithäufigsten treten die Ängste erstmals im Alter von bis zu zwei Jahren auf, und nur bei sehr wenigen Hunden entwickelt sich die Silvesterangst erst nach Erreichen des 6. Lebensjahres.

Der frühe Beginn der Geräuschempfindlichkeit weist auf eine starke genetische Komponente hin. Darauf deuten auch Unterschiede in der Anfälligkeit bei reinrassigen Hunden hin.

Besonders häufig betroffen Mischlinge
Tierschutzhunde
Häufig betroffen Hütehunde
Seltener betroffen Laufhunde, Schweißhunde, Retriever und verwandte Rassen
Gesellschafts- und Begleithunde
Wenig betroffen Molosser (Doggenartige)
Rasseunabhängig besonders selten betroffen Hunde, die beim Züchter bleiben
Hunde, die als Welpe präventiv trainiert wurden

Die besonders hohe Anfälligkeit von Mischlingen zeigt aber, dass neben genetischen Ursachen auch Umwelteinflüsse eine Rolle spielen. Mischlinge stammten häufiger aus dem Tierschutz oder von der Straße als ihre reinrassigen Artgenossen. Möglicherweise sind Mischlinge im statistischen Durchschnitt deshalb weniger gut sozialisiert als Rassehunde. Ein Mangel an frühen (positiven) Erfahrungen kann eine höhere Ängstlichkeit nach sich ziehen. So zeigte die Studie, dass Hunde aus dem Tierschutz (sowohl aus dem Auslandstierschutz als auch lokal) am stärksten von Feuerwerksangst betroffen waren, während Hunde vom Züchter am wenigsten durch Feuerwerke beeinträchtigt waren. Am mutigsten zeigten sich übrigens Hunde, die beim Züchter blieben. Die Auswertung der Fragebögen macht deutlich, dass auch die Angst vor Feuerwerk - wie jedes Verhalten - durch eine Kombination von genetischen und Umwelt-Faktoren bestimmt wird.

Silvesterangst – beeinflusst durch Geschlecht und Kastration?

Die Evaluierung der Fragebögen nach kastrierten und nicht kastrierten Hunden ergab, dass kastrierte Hunde geräuschängstlicher waren. Anhand dieses Ergebnisses könnte man auf den ersten Blick annehmen, dass die Kastration ursächlich dafür verantwortlich ist. Bei ausschließlicher Betrachtung des Kastrationsstatus‘ gibt es allerdings einen Haken: Es werden keine anderen möglichen Einflussfaktoren – frühe Sozialisierungserfahrungen etwa – berücksichtigt. In die Auswertung eines möglichen Zusammenhangs zwischen Kastration und Geräuschangst wurde darum auch die Herkunft (z.B. Züchter, Privatperson, Tierschutz, Straße etc.) des Hundes mit einbezogen. Jetzt zeigte sich, dass die Kastration weder bei Hündinnen noch bei Rüden einen wesentlicher Einflussfaktor war.

Wie konnte es also dazu kommen, dass in der ersten Analyse kastrierte Hunde ängstlicher waren? Ähnlich wie die Mischlingshunde waren Hunde aus dem Tierschutz oder von der Straße häufiger kastriert als jene vom Züchter. Dies legt nahe, dass auch hier mangelnde Sozialisierung ursächlich verantwortlich ist für die stärkeren Ängste, nicht die Kastration an sich. Zwischen weiblichen und männlichen Tieren wurden generell keine Unterschiede gefunden.

Insgesamt nimmt die Feuerwerksangst in der untersuchten Population mit steigendem Alter zu. Dies ist kein Wunder, da die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwann im Leben zu einer negativen Erfahrung mit lauten Geräuschen kommt, mit der Zeit ansteigt. Zusätzlich kann es zu einer Sensibilisierung (der Hund reagiert immer stärker auf den Angstauslöser) sowie einer Generalisierung (der Hund weitet seine Angstreaktion auf andere, ähnliche Reize aus) kommen. Dennoch gaben die Fragebogen-Ergebnisse auch Grund zur Hoffnung: Mehr als ein Drittel der befragten Hundebesitzer gab an, dass sich die Angst ihres Hundes stark oder etwas verbessert hatte. Bei einem Drittel gab es keine Veränderung in der Angst; in den restlichen 27 Prozent der Fälle wurde eine Verschlechterung der Ängste beobachtet.

Der hohe Prozentsatz, der eine Verbesserung verzeichnen konnte, ist auf den ersten Blick überraschend – kann aber möglicherweise durch das hohe Engagement der beteiligten Hundebesitzer erklärt werden. So hatten sich beinahe 70% der Besitzer von ängstlichen Hunden Hilfe gesucht; davon hatten die meisten einen Trainer aufgesucht, im Internet recherchiert oder einen Tierarzt konsultiert.

Trainierte Hunde zeigen weniger Geräuschangst als untrainierte Artgenossen

Trainierte Hunde zeigen weniger Geräuschangst als untrainierte Artgenossen (©: Stefanie Riemer)

Weniger Geräuschangst nach Verhaltenstraining mit dem Hund

Wie die Angstentwicklung durch Training beeinflusst werden kann, war eine weitere Fragestellung der Studie. Dafür bewerteten die Hundebesitzer das Fortschreiten der Feuerwerksangst bei ihrem Hund auf einer Skala von 1-5 (1: „die Angst hat sich stark verbessert“; 5: „die Angst ist viel schlimmer geworden“). Rund die Hälfte der Besitzer von ängstlichen Hunden hatte mit ihren Hunden ein Verhaltenstraining durchgeführt, um gegen die Feuerwerksangst anzugehen. Die Angstentwicklung in dieser Gruppe wurde mit der Gruppe der Hunde verglichen, die kein derartiges Training erlebt hatte. Der Unterschied zwischen den Gruppen war deutlich: So lagen die durchschnittlichen Werte zur Entwicklung der Feuerwerksangst bei Hunden mit Training bei 2 („die Angst hat sich eher verbessert), bei jenen ohne Training bei 3 („keine Veränderung“). Dieser Erfolg konnte nicht auf die Gabe von angstlösenden Medikamenten zurückgeführt wurden, denn in beiden Gruppen erhielten ungefähr gleich viele Hunde Medikamente.

In einer ergänzenden Studie erwiesen sich Gegenkonditionierung und Entspannungstraining als wirksam gegen die Angst vor Knallern. Es wurde zwischen spontaner Gegenkonditionierung (wenn ein Geräusch ertönt, folgt eine tolle Belohnung oder der Besitzer feiert eine kleine „Party“) und Desensibilisierung/Gegenkonditionierung mit Geräusch-CDs unterschieden. Bei letzterer Methode werden dem Hund Aufnahmen von Feuerwerksgeräuschen vorgespielt, wobei man auf einer ganz leisen Stufe anfängt und die Lautstärke schrittweise erhöht, solange der Hund entspannt bleibt. Die Gegenkonditionierungs-Komponente bei diesem Training besteht darin, die Geräusche ebenfalls mit hochwertigem Futter oder Spiel zu verknüpfen.

Obwohl diese Methode in der Literatur die meistempfohlene ist, konnte sie in der Studie nur eine Erfolgsrate von 55 % verzeichnen. Audioaufnahmen können nicht alle Aspekte von echten Feuerwerken nachbilden und viele Hunde scheinen zwischen Aufnahme und echten Reizen zu unterscheiden. Die spontane Gegenkonditionierung bei lauten Geräuschen war den Besitzern zufolge hingegen in über 70% der Fälle effektiv. Was immer der Hund als maximale Belohnung empfindet, sollte also zur Grundausstattung für die Silvesternacht gehören.

Fast genauso erfolgreich wie die spontane Gegenkonditionierung wurde auch die Methode des Entspannungstrainings bewertet (69 % Erfolg). Beim Entspannungstraining lernt der Hund, ein Signal – beispielsweise ein bestimmtes Wort, eine Decke oder einen Duft – mit Entspannung zu verknüpfen, sodass Entspannung später auch in stressigen Situationen ausgelöst werden kann. Rund 70 % der Besitzer, die diese Trainingsmethoden probiert hatten, empfanden sie als erfolgreich. Damit sie in der „Extremsituation Silvester“ tatsächlich funktioniert, muss diese Verknüpfung allerdings lange vorher systematisch aufgebaut werden. Je nach Hund kann das viele Wochen in Anspruch nehmen.

Ist Feuerwerksangst vermeidbar?

Wie immer gilt: Vorbeugen ist besser als Heilen. Gefragt wurde auch, ob die Besitzer mit ihrem Hund präventiv trainiert hatten, noch bevor der Hund Anzeichen von Feuerwerksangst zeigte, und wie alt der Hund zum Trainingszeitpunkt war. Die Ergebnisse zeigten, dass präventives Training das Auftreten von Feuerwerksangst extrem effektiv verhindern konnte. Und die Maßnahme war – nicht überraschend – besonders erfolgreich, wenn sie bereits im Welpenalter erfolgte. So trainierte Hunde wurden überwiegend als gar nicht ängstlich beurteilt (durchschnittlicher Angst-Score: 1). Aber auch bei erwachsenen Hunden hat präventives Training noch eine positive Wirkung: Diese Hunde hatten durchschnittlich den zweitniedrigsten Angst-Score (2). Bei Hunden ohne vorheriges Training lag der durchschnittliche Angstwert hingegen bei 4, dem zweithöchsten Wert.

Frühzeitige Gewöhnung an laute Geräusche nimmt Hunden die Angst vor ihnenFrühzeitige Gewöhnung an laute Geräusche nimmt Hunden die Angst vor ihnen. (© K_Thalhofer - istockphoto.com)

Fazit

Feuerwerksangst muss keine Einbahnstraße sein! Eine Verbesserung ist in den meisten Fällen möglich. Kurz vor und an Silvester sind es vor allem Management-Maßnahmen und gegebenenfalls der Einsatz angstlösender Medikamente, mit denen zumindest neue schlechte Erfahrungen vermieden werden können. Besser ist es, frühzeitig vor oder für das nächste Jahr bald nach Silvester mit einem geeigneten Training zu beginnen. Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass sich diese Mühe lohnt und Training gegen Geräuschangst, insbesondere Gegenkonditionierung und Entspannungstraining, mit einer Verbesserung der Angst verbunden ist. Dennoch reicht Training häufig nicht als alleinige Maßnahme aus, so dass eine Kombination verschiedener Therapieansätze oft am zielführendsten ist. Falls man das Glück hat, einen Hund zu haben, der noch keine Ängste zeigt, ist präventives Training der beste Weg, dafür zu sorgen, dass das so bleibt.

Quellen:

Riemer, S. (2019) Not a oneway road – severity, progression and prevention of fireworks in dogs. PLOS ONE 14(9): e0218150

Riemer, S. (2019). Effectiveness of treatments for firework fears in dogs. Journal of Veterinary Behavior 37:61-70

Dr. Stefanie Riemer

Dr. Stefanie Riemer ist Verhaltensbiologin und Leiterin der HundeUni Bern (www.hundeunibern.ch), einer Forschungsgruppe zur Erforschung von Hundeverhalten an der Vetsuisse Fakultät der Universität Bern. In ihrer Doktorarbeit an der Universität Wien erforschte sie Persönlichkeitsentwicklung und kognitive Fähigkeiten bei Hunden. Anschliessend führte ihr Weg sie an die Universität Lincoln (England). Dort arbeitete sie an mehreren Forschungsprojekten, z.B. zu Impulsivität bei Hunden. Im Jahr 2016 kam Stefanie Riemer nach Bern, wo sie die HundeUni Bern gründete. Hier betreut sie viele Forschungsprojekte von Bachelor-, Master- und Doktoratsstudenten und publiziert regelmäßig Forschungsergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften. Zu ihren wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen Ausdrucksverhalten, Emotionen, Persönlichkeit sowie Geräuschängste bei Hunden. Ein vom Schweizer Nationalfonds gefördertes Projekt beschäftigt sich ausserdem mit Spielverhalten zwischen Hund und Mensch und mit sogenannten "Balljunkies".

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