Arthrose beim Pferd – Ursachen, Entstehung, Prävention 

Arthrosen beim Pferd: Fesselgelenk und Krongelenk sind häufig betroffen (Foto: Patricia Lösche)

Arthrose ist eine nicht heilbare, degenerative Gelenkerkrankung. Degenerativ deshalb, weil es zu Veränderungen des betroffenen Gelenkes kommt, die dessen Funktion beeinträchtigen. Je nach Ort des Geschehens ist eine Arthrose mehr oder weniger schmerzhaft für das Pferd und kann dessen Nutzung stark einschränken oder sogar unmöglich machen. Unsere Autorin Dr. Jenny Hagen ist Tierärztin, Tierchiropraktikerin und Hufbeschlagsschmiedin. Sie lehrt an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig. 

Arthrosen stellen eine häufig auftretende Erkrankung der Gelenke dar. Beim Pferd sind zumeist die Zehengelenke, wie Huf- und Krongelenk, betroffen. Aber auch das Sprung- und Fesselgelenk zeigen diese degenerative Gelenkserkrankung. Durch die Verbesserung der bildgebenden Diagnostik werden auch immer mehr Arthrosen in der Halswirbelsäule, dem Iliosakralgelenk und dem Hüftgelenk diagnostiziert [1,2,3]. Neben Sportpferden sind immer häufiger auch freizeitlich genutzte Pferde davon betroffen. Um die Frage zu klären, wie Arthrosen entstehen, ist es notwendig sich mit Aufbau und Physiologie von Gelenken zu beschäftigen. 

Synoviales Gelenk

Ein Gelenk verbindet Knochen beweglich miteinander. In der Fachsprache wird das „artikulieren“ bezeichnet. Bei einem synovialen Gelenk (auch echtes Gelenk genannt) gibt es zwischen den Knochen einen sehr schmalen Spalt, der mit Synovia (Gelenkflüssigkeit) gefüllt ist. Sie „schmiert“ das Gelenk. Gleichzeitigt versorgt sie den Gelenkknorpel, der als schützende Kappe auf den Gelenkenden sitzt und nicht an die Blutversorgung angeschlossen ist, mit Nährstoffen. 

Anatomie und Physiologie eines Gelenkes 

Ein echtes, synoviales Gelenk besteht aus mindestens zwei artikulierenden Knochen (zum Beispiel Kron- und Fesselbein) oder im Falle von zusammengesetzten Gelenken auch aus mehreren Knochen (wie zum Beispiel das Fesselgelenk) (Abbildung 1).  

Abbildung 1: Eröffnetes Fesselgelenk eines Pferdes mit der gut erkennbaren glatten Knorpelschicht  der Gelenkflächen (Foto: Dr. Jenny Hagen)

Zwischen den beiden artikulierenden Knochenanteilen befindet sich der Gelenkspalt [4]. Die knöchernen Gelenkflächen sind von hyalinem Knorpel überzogen, dessen Dicke abhängig von seiner Belastung innerhalb eines Gelenkes, aber auch zwischen verschiedenen Gelenken schwankt [5]. An konvexen Gelenkflächen weist der Knorpel zentral und an konkaven Gelenkflächen peripher die größte Dicke auf. Meist übersteigt die Dicke des Gelenkknorpels an den Zehengelenken des Pferdes kaum 1 mm [6]. 

Knorpel

Knorpel (Cartilago) kommt überall im Körper vor. Unter anderem an Gelenken und Bandscheiben. Er bildet ein schützendes, festes und druckstabiles Stützgewebe aus Knorpelzellen (Chondrozyten), die durch Kollagenfasern miteinander vernetzt sind. Dazwischen ist Wasser eingelagert. Es sorgt für die stoßdämpfende Eigenschaft des Knorpels. Je nach Zusammensetzung wird unterschieden zwischen hyalinem Knorpel, elastischem Knorpel und Faserknorpel. Allen Knorpelarten gemeinsam ist das Fehlen von Blutgefäßen und Nerven. Für uns interessant ist der sehr elastische und hochdruckfeste hyaline Knorpel der Gelenke.

Der Gelenkknorpel

Der Gelenkknorpel bildet eine glatte Oberfläche, die das reibungsfreie Gleiten der artikulierenden Skelettteile zulässt (Abb. 1). Das wird durch den elastischen, aber Druck resistenten Charakter des hyalinen Knorpels unterstützt. Er besteht aus Knorpelzellen (Chondrozyten) und einer extrazellulären Matrix, welche sich aus Kollagenfasern Typ II (20%), Proteoglycanen (6%) und Wasser (70%) zusammensetzt [7]. Der Gelenkknorpel lässt sich histologisch in vier Zonen mit unterschiedlichen Eigenschaften einteilen [4,7,8]. 

In seiner oberflächlichsten Zone (Tangentialfaserzone) verlaufen die Scheitel der bogenförmig in die Tiefe ziehenden Kollegenfasern. Die spindelförmigen Knorpelzellen (Chondrozyten) sind parallel zur Oberfläche ausgerichtet. Diese Schicht hat auch die höchste Wasserbindungskapazität und verleiht dem Knorpel seine Elastizität. In der darauffolgenden Übergangszone kreuzen sich die Kollagenfasern und bilden flache Arkaden mit den schräg angeordneten Chondrozyten. In der darunter liegenden Radiärzone verlaufen die Kollagenfasern rechtwinklig zur Oberfläche und die Knorpelzellen ordnen sich säulenförmig an.

Die tiefste Schicht des Gelenkknorpels bildet die Mineralisationszone als Verbindung zum darunter liegenden Knochengewebe. In dieser Zone gibt es wenig Knorpelzellen und die extrazelluläre Matrix enthält Kalziumphosphatkristalle. Über diese Zone ist der Gelenkknorpel durch Fortsätze fest mit dem subchondralen (unter dem Knochen liegenden) Gewebe verzahnt. In dieser Zone bleibt auch zeitlebens die Fähigkeit zur Knochenneu- und -umbildung erhalten. Bei makroskopischer Betrachtung hat der hyaline Gelenkknorpel ein homogen, milchig, je nach Alter bläulich oder gelbliches Aussehen, was drauf hinweist, dass keine Nerven oder Gefäße dieses Gewebe durchziehen. Das wiederum bringt den Fakt mit sich, dass sich der Knorpel maßgeblich über die Synovia ernährt und Knorpelläsionen erst wahrgenommen werden, wenn sie tiefere Schichten mit der Innervation des subchondralen Knochens erreicht haben. 

Präparate arthrotisch veränderter Gelenke der unteren Extremität beim Pferd. Rechts Abbildung 4: Schwere Arthrose des Krongelenkes mit hochgradiger Degeneration des subchondralen Knochens der Gelenkflächen und hochgradiger Bildung von Exostosen (Präparat eines 3-jährigen Pferdes nach 2 Jahren Hufrehe mit Entlastungshaltung). Links Abbildung 5: Vollständig versteiftes Hufgelenk aufgrund einer hochgradigen Arthrose (Präparat eines ehemaligen Mienenpferdes aus England)  (Fotos: Dr. Jenny Hagen)

Die Gelenkkapsel

Die miteinander artikulierenden Knochen samt Knorpelüberzug und Gelenkspalt werden vollständig von der Gelenkkapsel umschlossen. Sie bildet die Begrenzung der Gelenkhöhle. Die Gelenkkapsel besteht aus zwei Schichten [4,9]. Die äußere Schicht (Stratum fibrosum) wird durch straffes, kollagenfaserreiches Bindegewebe gebildet und dient der Stabilisierung des Gelenkes. Seitenbänder oder andere bandartige Strukturen (zum Beispiel Retinakula) verstärken die Kapsel lokal. Sie hemmen die Beweglichkeit und geben eine Führungsrichtung für die jeweiligen Gelenke vor. Im Stratum fibrosum sind zudem zahlreiche Propriozeptoren, Mechano- und Schmerzrezeptoren eingebettet, die wichtige Signale an das zentrale Nervensystem übermitteln. 

Am Knochen selbst geht die äußere Schicht der Gelenkkapsel ins Periost über. Das Innere der Gelenkkapsel (Stratum synoviale) wird von so genannten Synovialozyten ausgekleidet. Diese Schicht setzt am Gelenkknorpel an und die Zellen produzieren sowie resorbieren die Synovia (Gelenkschmiere) [4]. Zudem nimmt ein Teil der Synovialozyten auch Aufgaben der Phagozytose (aktive Aufnahme von Partikeln in eine Zelle) wahr und halten damit das Milieu im Gelenk sauber und ermöglichen ein reibungsfreies Gleiten. 

Die Gelenkflüssigkeit

Die Hauptbestandtele der Gelenkflüssigkeit, die sich unter physiologischen Bedingungen bernsteinfarben und viskös darstellt, sind Hyaluronsäure, Proteine, Glukose, Wasser, abgeschilferte Zellen, Makrophagen und Lymphozyten [8]. Die viskösen Eigenschaften schwanken in Abhängigkeit von Temperatur und Bewegung [10]. Ist das Gelenk kalt und wenig bewegt, steigt die Viskosität und damit der Reibungswiderstand an. Denn gemeinsam mit dem Gelenkknorpel ist die Aufgabe der Synovia ein reibungsarmes Gleiten der Gelenkflächen zu ermöglichen, Stoßdämpfung und die Ernährung des Gelenkknorpels. Dieser saugt sich, bildlich gesprochen, bei Entlastung des Gelenkes wie ein Schwamm mit nährstoffhaltiger Gelenkschmiere voll wird bei Belastung des Gelenkes wieder ausgepresst. Dieser physiologische Zyklus bedarf jedoch einer angemessenen und regelmäßigen Bewegung und Belastung des Gelenkes [11].  

Ursachen für die Entstehung von Arthrosen

Die Ursachen für die Entstehung einer Arthrose sind meist multifaktoriell. Überlastung ist nur einer dieser Aspekte. Begünstigende Faktoren, die eine gewisse Prädisposition für diese Erkrankung mit sich bringen, können genetisch verankert [13] oder auf andere zugrunde liegenden Grunderkrankungen (Verletzung) zurück zu führen sein [14]. Der natürliche Alterungsprozess erhöht das Risiko zur Entwicklung einer Arthrose [7,15]. Heute werden jedoch immer häufiger schon bei jungen Pferden degenerative Gelenkserkrankungen diagnostiziert. 

Definition Arthrose 

Arthrosen gehören zu den chronisch degenerativen Gelenkserkrankungen, die hauptsächlich durch ein Missverhältnis zwischen mechanischer Belastung und Belastbarkeit der anatomischen Anteile eines Gelenkes entsteht [12] (Abbildung 2).  

Abb. 2: Arthrose des Hufgelenks (Aufnahme: Dr. Jenny Hagen)

Mechanische Fehlbelastung

Zumeist steht die Entwicklung einer Arthrose mit einem übermäßigen oder fehlerhaften Einwirken mechanischer Kräfte auf das Gelenk im Zusammenhang. Durch die andauernde Überlastung des Gelenkes beginnt die strukturelle Degeneration des Gelenkes [16]. Diese Überlastung kann bei Freizeitpferden ebenso vorliegen, wie bei Sportpferden. 

Bei Pferden im Sporteinsatz wurde gezeigt, dass eine erhöhte Trainingsintensität und -frequenz, insbesondere im Jungtieralter, mit einem erhöhten Risiko für die Entstehung einer Arthrose in den Zehengelenken, sowie im Sprunggelenk einhergeht [17,18,19]. Überlastungen bei der Nutzung des Pferdes führten zu einem erhöhten Auftreten von Gelenkknorpeldefekten, subchondralen Knochenläsionen und Arthrosen. Welches Gelenk am häufigsten betroffen ist hängt dabei zum Teil von der Disziplin ab. Bei Rennpferden treten häufiger Arthrosen in den Fesselgelenken auf [20], wohingegen Westernpferde, die für das Reining trainiert werden, öfter an Arthrosen der Sprunggelenke (Spat) erkranken. 

Abbildung 3: Linke Hintergliedmaße eines Pferdes mit deutlicher Achsenbrechung nach außen und verengten Gelenkspalten der Zehengelenke auf der medialen Seite. (Aufnahmen: Dr. jenny Hagen) 

Bodenverhältnisse

Allerdings spielen auch die Bodenverhältnisse, auf denen die Pferde gearbeitet werden, eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Begünstigung einer degenerativen Gelenkserkrankung. So zeigen Kutsch- und Arbeitspferde, die zum größten Teil auf harten Böden gefahren werden, eine sehr hohe Neigung für die Entstehung einer Arthrose [21]. Durch die starken Vibrationen und hohen Kraftstöße beim Auffußen auf harten Boden [22] kommt es zu einer Überlastung aller Zehengelenke (Huf- und Krongelenksschale). Sind die Pferde dazu noch mit Hufeisen mit Griffen und Stollen beschlagen, potenziert sich das Risiko für Erkrankungen der Gelenke, weil sie auf harten Böden eine extreme Instabilität mit sich bringen. 

Haltungsform, Reitweise, fehlende Sachkenntnis

Es sind jedoch nicht nur Sport- und Arbeitspferde von Arthrosen betroffen. Auch bei Pferden, die auf Freizeitniveau geritten werden, werden Arthrosen häufig diagnostiziert. Das hängt damit zusammen, dass die Pferde in modernen Haltungsformen oft zu wenig Bewegung haben. Kommt dazu noch eine unsachgemäße Reitweise, geringes reiterliches Können und fehlende Sachkenntnis, zeigen sich nicht selten myofasziale Dysfunktionen (Fehlfunktionen von Muskelgewebe und Faszien). Eine schwache oder dysfunktionale Muskulatur geht mit weniger Tragkraft und Stoßdämpfung für den gesamten Körper einher. Unbehandelt führt das über die Zeit zum Verschleiß der Gelenke.

Schwere Gliedmaßenfehlstellungen begünstigen diesen Effekt noch. Kommt es zur einseitigen Überlastung einer Gelenkseite, wird der Knorpel an dieser Stelle nicht mehr adäquat ernährt und degeneriert (Abbildung 3).

Einfluss von Pferdehaltung und Pferdezucht

In der modernen Pferdehaltung und Pferdezucht spielen aber auch noch ganz andere Faktoren eine Rolle. Der Anteil übergewichtiger Pferde nimmt in den letzten Jahren stetig zu. Wie beim Menschen auch, besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Übergewicht und chronischer Überlastung der Gelenke. Zusätzlich erhöht die Zucht von schnell wachsenden und in der Aufzucht häufig überversorgten Jungpferden das Arthrose-Risiko. Diese Pferde sind häufig von einer Osteochondrosis (progressive degenerative Veränderung von Knorpel und Knochen) betroffen [23,24]. Diese Erkrankung zeigt eine recht hohe Erblichkeit [25,26]. Bei Warmblütern sind in einigen Zuchtlinien mit hoher Inzidenz der palmare/plantare Bereich der Fesselgelenke betroffen, während bei Rennpferden die Erkrankung eher im Sprung- und Schultergelenk auftritt.

Enchondrale Ossifikation

Bei der enchondralen Ossifikation (auch indirekte Ossifikation) geht der Bildung des Knochens zunächst ein knorpeliger Platzhalter voraus. Bei dessen Abbau tritt im Verlauf des Wachstums an die Stelle dieses „Knorpelmodells“ der eigentliche Knochen. 

Bei einer Osteochondrosis kommt es während des Wachstums zu einem Fehler oder zu einer Zerreißung im Verlauf der enchondralen Ossifikation an den Enden und Fortsätzen der wachsenden Knochen. Häufig geht das einher mit einer gestörten Durchblutung einzelner Knochen-Knorpelfragmente im Bereich der Apophysen (noch nicht vollständig verknöcherte Knochenvorsprünge) oder Epiphysen (Wachstumsfugen) [27]. Reißt dieses Fragment vollständig ab, stellt es sich als freies Fragment in der Gelenkhöhle dar („Chip“, Osteochondrosis dissecans). Löst sich nur ein Teil des Knorpels entsteht eine zystenartige Läsion an der betroffenen Gelenkfläche (Knorpelzyste). 

Auch eine zu starke Beanspruchung oder ein Trauma kann das Abreißen solcher Knochen-Knorpelfragmente begünstigen. Stock et al (2005) wiesen nach, dass 32% der untersuchten Warmblutpferde (n=3749) in mindestens einem Gelenk ein Knochen-Knorpelfragment hatten [28]. Natürlich stört ein solches Fragment das reibungsarme Gleiten der Gelenkflächen und erhöht das Risiko für die Entstehung einer Arthrose. Gleiches gilt auch für Verletzungen und Frakturen mit Gelenkbeteiligung. Weiterhin führt eine andauernde Immobilisation eines Gelenkes zum Abbau des Gelenkknorpels und zu einer Knochenzubildung in Richtung Gelenk, was mit einer Versteifung einhergeht.  

Durch zu schnelles Wachstum, zum Beispiel durch Überversorgung mit Nährstoffen, steigt für das Pferd das Risiko, später an Arthrose zu erkranken (Foto: Patricia Lösche)

Pathogenese von Arthrosen 

Im initialen Stadium kommt es durch die beständige, mechanische Überlastung zu einer leichten Schädigung der oberflächlichen Knorpelschicht (Grad 1). Die an der Gelenkknorpeloberfläche tangential verlaufenden Kollagenfasern werden geschädigt und kleinste Faser- und Knorpelbestandteile werden abgeschilfert [4]. Auch eine rückläufige Synthese der Grundsubstanz wie es beim Alterungsprozess vorkommt, führt zu einer Freilegung der Tangentialfasern, die wiederum auffasern. Oberflächenparallele Knorpeldefekte entstehen [4]. 

Die zur Phagozytose befähigten Zellen kommen ab einem gewissen Punkt mit dem Beseitigen der abgeschilferten Bestandteile nicht mehr nach und eine Entzündungsreaktion stellt sich ein. Dies beinhaltet auch eine zunehmende Produktion von Synovia, was sich oft in einer Gelenkschwellung darstellt. Leider verliert die Synovia dabei an Viskosität und wird wässriger, was die Gleiteigenschaften der Gelenkflächen negativ beeinflusst [10]. 

Werden diese ersten Zeichen ignoriert oder die Ursachen der Überlastung nicht abgestellt, weiten sich die Schäden weiter in die Tiefe aus und es kommt zu vertikalen Rissen im Knorpelgewebe. Weiten sich diese aus entstehen so genannte „Knorpelglatzen“ (diffuse Knorpeldefekte innerhalb einer Gelenkfläche) oder lokale Knorpelläsionen. Nehmen diese noch weniger als 50% der Knorpeldicke ein entspricht dieses Bild Grad 2 der Klassifikation nach der International Cartilage Research Society [29]. Nehmen die Knorpeldefekte mehr als 50% der Gelenkknorpeldicke ein oder reichen gar bis auf den Knochen, spricht man von Grad 3 der Knorpelverletzung. Im finalen Stadium treten bereits Sklerosen oder Nekrosen des subchondralen Knochens auf (Grad 4) [4,7,29] (siehe Abbildung 4 weiter oben).  

Bei Verdacht auf Sprunggelenksarthrose (Spat) gehört die Provokationsprobe (Beugeprobe) zur Diagnostik (Foto: Patricia Lösche)

Mit fortschreitender Schädigung des Gelenkknorpels wird der Gelenkspalt kleiner und die Schmerzhaftigkeit nimmt zu. Der zunehmende Druck auf die Knochenenden und die unphysiologische Belastung der Gelenkränder kommt es zur Bildung von Knochenexostosen (durch Knochenzubildung entstehende Knochenvorsprünge) um die Ränder der Gelenkflächen. Diese reiben bei Bewegung aneinander und führen dadurch zu einer weiteren Zubildung von Knochensubstanz. Bis zur völligen Versteifung des Gelenkes ist dieser Prozess extrem schmerzhaft (siehe Abbildung 5 weiter oben).  

Symptome von Arthrosen im Bereich der Beine

Die Symptome sind abhängig vom Stadium der Arthrose und den biomechanischen Eigenschaften des betroffenen Gelenkes. Sie reichen von einem kurzen, klammen Gang bis zu hochgradigen Lahmheiten. Auf hartem Boden zeigt sich die Lahmheit meist deutlicher. Meist bessert sich das Gangbild nach leichter Bewegung. Bei Beugung der Gelenke reagieren die Tiere schmerzhaft und die Lahmheit nimmt zu. Der Bewegungsspielraum des betroffenen Gelenkes ist eingeschränkt. 

Arthrodese

Arthrodese ist eine chirurgische Versteifung von Gelenken durch Schrauben, Nägel oder Platten. In der Folge verwachsen die Knochen innerhalb von einigen Wochen und das Gelenk ist nicht mehr beweglich. Bei einer Arthrose entstehen die Schmerzen durch Beweglichkeit trotz Knochenzubildungen. Dieser Schmerz fällt nach der Versteifung weg. 

Arthrose des Krongelenks

Eines der am häufigsten von Arthrose betroffenen Gelenke ist das Krongelenk, da dieses Gelenk von Natur aus eher einen geringen Bewegungsspielraum hat [30], machen sich Arthrosen mit beginnender Bildung von Knochenexostosen meist nur durch eine leichte Lahmheit bemerkbar. Meist „laufen sich die Pferde ein“. Erst bei deutlicher Gelenksdegeneration treten stärkere Lahmheiten auf. Allerdings kommt es bei diesem Gelenk auch schneller zur vollständigen Versteifung, die auch chirurgisch durch eine Arthrodese herbeigeführt werden kann [21]. Dies führt zu einer deutlichen Schmerzreduktion und bring kaum Abweichungen vom physiologischen Gangbild mit sich. 

Arthrose von Sprunggelenk, Hufgelenk und Fesselgelenk

Des Weiteren treten Arthrosen sehr häufig am Sprunggelenk auf. Sind die straffen Gelenkreihen betroffen, verhält es sich ähnlich wie beim Krongelenk. Befinden sich die arthrotischen Zubildungen jedoch am Tarsocruralgelenk oder am Tarsometatarsalgelenk treten auch schon bei gering- bis mittelgradigen Knochenzubildungen deutliche Lahmheiten auf, da diese Gelenke einen hohen Bewegungsspielraum haben [30]. Ebenso verhält es sich mit dem Huf- und Fesselgelenk [30], die ebenfalls häufig von Arthrosen betroffen sind. 

Es werden auch zunehmend Arthrosen der Facettengelenke der Halswirbelsäule, des Iliosakralgelenkes und der Halswirbelsäule diagnostiziert [1,2,3], deren Pathogenese vergleichbar ist, auf die aber an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll.  

Anatomie des Sprunggelenkes (Tarsalgelenk) beim Pferd: Calcaneus (Fersenbein), Talus (Sprungbein), Tarsus (Hinterfußwurzel) bestehend aus den Tarsalknochen (Ossa Tarsi) Os tarsi centrale und Ossa tarsale I-IV (Knochen des Sprunggelenkes bei vielen Säugetieren)
(Bildquelle: By courtesy of IMAIOS© “Micheau A, Hoa D, vet-Anatomy Atlas, www.imaios.com, DOI: 10.37019/vet-anatomy”)

Behandlung und Management des Arthrosepatienten 

Wie bei allen degenerativen Erkrankungen ist das Hauptziel der Behandlung eine Schmerzreduktion und das Verzögern des Fortschreitens der Erkrankung. Prinzipiell ist die Prognose allerdings als ungünstig bis schlecht einzustufen, wenn es um die langfristige (sportliche) Nutzung des Pferdes geht. Es gibt einige Medikamente, die lokal in das betroffene Gelenk gespritzt werden können und Linderung verschaffen (IRAP®, Hyaluronsäure) [31]. Von der wiederholten Verwendung von Cortison ist allerdings abzuraten. 

Positiv ist jedoch, dass es neue Entwicklungen von Medikamenten gibt, die sehr vielversprechend sind. So gibt es bereits im Kleintierbereich den zugelassenen Wirkstoff Bedinvetmab, welcher ein monoklonaler Antikörper ist, der an den Signalstoff NGF (Nerve Growth Factor) bindet [32]. Damit wird die Übertragung von Schmerzsignalen unterbrochen. Die Arthrose ist so nicht heilbar, aber die Lebensqualität des Tieres verbessert sich enorm. Die Zulassung für das Pferd wird sehr wahrscheinlich auch erfolgen. 

Stoßwellentherapie

Bei dieser Therapie erzeugen spezielle Geräte Druckwellen mit schnellem Druckanstieg und kurzer Impulsdauer. Die Anwendung erfolgt lokal mit dem Ziel, Selbstheilungsprozesse im Körper zu fördern und Zubildungen zu vermindern. Stoßwellentherapie gilt als sehr schonende Methode zur Behandlung von Schmerzen im Bewegungsapparat.

Auch die Stoßwellentherapie scheint bei Pferden mit Spat (Arthrose im Sprunggelenk) sehr gute Ergebnisse mit Verminderung der Lahmheit zu erzielen [33]. Generell sollten betroffene Pferde die Möglichkeit zur stetigen, leichten Fortbewegung haben (zum Beispiel Koppelgang in einer ruhigen, stabilen Herde). Je nachdem welches Gelenk betroffen ist und wie schwer, kann auch leichte Arbeit unter dem Sattel das Gelenk in Bewegung halten. 

Bewegung und Hufbeschlag für Pferde mit Arthrose

Entscheidend ist es, auf die klinischen Symptome zu achten. Ein Pferd, das lahmt, und sei es noch so gering, hat Schmerzen und sollte nicht geritten oder anderweitig genutzt werden. Spaziergänge und Bodenarbeit in Kombination mit Übungen zur Stärkung der haltenden und stoßdämpfenden Muskulatur (Schultergürtel) sind hilfreich um die Gelenke zu entlasten. Zudem ist über moderate Bewegung und Futterreduktion das Gewicht des Tieres zu reduzieren oder zu kontrollieren. In akuten Schmerzphasen empfiehlt sich die Gabe von Schmerzmitteln für ein paar Tage.  

Der Einsatz von orthopädischen Beschlägen ist nur dann angezeigt, wenn das Pferd sowieso schon beschlagen ist. Denn die Zielsetzung eines Beschlages zur Unterstützung des Arthrosepatienten beinhaltet ein erleichtertes Abrollen, Stoßdämpfung und wenig Gewicht. All diese Eigenschaften erfüllt der Barhuf bereits und es macht wenig Sinn, diesem Ideal nachzulaufen. Bei bereits beschlagenen Pferden bietet es sich an, den Beschlag so zu modifizieren, dass ein Eisen mit deutlicher Zehenrichtung und angeschliffen Seitenrändern in Kombination mit weicher Platte und Polster verwendet wird. Optimaler Weise kann hier auch ein Aluminiumbeschlag zum Einsatz kommen. 

Prävention – Senkung des Arthrose-Risikos

Da die Prognose der Erkrankung eher schlecht ist, gilt es der Entstehung einer Arthrose vorzubeugen. Dies beinhaltet, dass bei der züchterischen Selektion Zuchtlinien mit erhöhter Neigung zu degenerativen Gelenkserkrankungen ausgeschlossen werden. Bei der Aufzucht des Fohlens ist darauf zu achten, dass es nicht zu schnell wächst, was mit der Vermeidung einer nutritiven Überversorgung einher geht. Gleichzeitig ist darauf zu achten, dass das wachsende Jungtier bedarfsgerecht mit Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen versorgt ist. 

Zudem müssen junge Pferde im Wachstum ausreichend Bewegung zur physiologischen Entwicklung des Bewegungsapparates haben und gleichzeitig nicht durch zu frühes oder intensives Training überlastet werden [18,19]. Auch beim adulten Pferd ist es von großer Bedeutung, Übergewicht zu vermeiden. Zudem sollten Training und Nutzung des Pferdes vielseitig sein und darauf abzielen die Muskulatur des Schultergürtels, des Rückens und der Hinterhand zu stärken. 

Nur eine kräftige Muskulatur kann das Gewicht des Pferdes tragen und stoßdämpfend die in der Bewegung einwirkenden Kräfte abfangen. Damit ist die optimale Entlastung der Gelenke gewährleistet. Übungen mit abrupten Stopps oder scharfen Wendungen sind zu vermeiden oder nur mit gut trainierten Pferden durchzuführen. Die Arbeit auf hartem Boden ist so weit es geht zu minimieren. Am Ende ist es aber die Summe aus allen Faktoren, die beachtet werden müssen, um die Gelenke der Pferde auch bis ins Alter gesund zu erhalten. 

Dr. Jenny Hagen
PD Dr.med.vet.habil Jenny Hagen

PD Dr. habil. med. vet. Jenny Hagen ist Fachtierärztin für Anatomie, Histologie und Embryologie, staatlich geprüfte Hufbeschlagschmiedin sowie Spezialistin für Tierchiropraktik. Die Schwerpunkte ihrer beruflichen Tätigkeiten reichen von der Orthopädie des Pferdes über dessen chiropraktische Behandlung bis hin zur Erstellung von Rehabilitations- und Trainingskonzepten. Sie ist Inhaberin einer Tierarztpraxis für Orthopädie und Chiropraktik beim Pferd, Honorarlehrkraft an den Hufbeschlagschulen Schweppe (Dortmund) und Niedersachsen (Verden), Referentin, Gastwissenschaftlerin im Veterinär-Anatomischen Institut der Veterinärmedizinischen Fakultät an der Universität Leipzig. Seit 2022 gehört die freiberufliche Referentin zum Dozententeam der ATM.

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